
Lernen nach Plan: Bildungsstandards sollen die Schule retten. Reformpädagogen
setzen dagegen auf einen Bildungsbegriff, bei dem der Mensch im Mittelpunkt
steht
von Andrea Teupke
Was Schönheit sei, wisse er nicht, soll Picasso gesagt
haben, und Roy Lichtenstein ergänzte später: "Aber ich erkenne
sie, wenn ich sie sehe". Vielleicht verhält es sich mit der Bildung
ähnlich.
Zu klären, was Bildung sei, erfordert geistige Anstrengung; tatsächlich
ist der Begriff unklarer denn je. Trotzdem ist das Wort in aller Munde: Bildung
wird vermessen und verordnet, in Standards gegossen und in Pläne gepackt.
Voller Aktivismus stürzen sich Politiker in Reformvorhaben, die häufig
genug auch noch paradoxe Züge tragen: Streichungen werden als Maßnahmen
zur Qualitätssteigerung verkauft, Kürzungen als Instrument zur Förderung,
und in Hessen soll gar die Schließung von Integrationsklassen der flächendeckenden
Integration dienen - die Begründungen der Kultusminister erinnern mitunter
an Orwells "Neusprech".
Das Zauberwort schlechthin lautet Evaluation. Schule soll vermessen werden;
Pisa ist künftig immer und überall. Zu diesem Zweck wurde sogar
ein eigenes Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen eingerichtet.
Dessen Leiter Olaf Köller sagt öffentlich Sätze wie diesen:
"Wir wissen aus der Bildungsforschung, dass die Kerninstanzen für
erfolgreiche Lernprozesse weniger in schulorganisatorischen Variablen liegen,
sondern in Unterrichtsvariablen." Erfolgreiche Lernprozesse. Instanzen,
die in Variablen liegen.
Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Köllers Institut
Tests entwickelt, natürlich können Schulen Diagnoseinstrumente gebrauchen,
die ihnen zeigen, wo ihre Schüler stehen und welche Hilfe sie benötigen.
Doch dies als Rettung des Bildungswesens zu verkaufen, ist etwas dick aufgetragen.
Bevor Qualität gemessen werden kann, müsste sie zunächst definiert
werden - die Frage nach der "guten Schule" können jedoch weder
Pisa beantworten noch die so genannten Bildungsstandards.
Pisa misst keine Bildung. Pisa misst reading literacy, mathematical literacy
und scientific literacy. Diese kaum zu übersetzenden Begriffe beschreiben
Basiskompetenzen, die in der Schule sicher entwickelt werden sollten, die
für sich genommen aber nicht mal im Ansatz so etwas wie ein Bildungskonzept
tragen. Und dass es um die Schulen in Deutschland nicht gut bestellt ist,
hätte man auch vorher wissen können. Man hätte nur die Zahlen
zur Kenntnis nehmen müssen: Von Schulversagern und Schulabbrechern, Nachhilfeschülern
und Sitzenbleibern.
Aber man wollte nicht. Der Anstrengung "Schule neu zu denken", wie
Hartmut von Hentig fordert, wollte sich niemand unterziehen - und will es
auch heute nicht. Dementsprechend geistlos sind die Rezepte: Ganztagsschule
- als ob mehr vom selben nicht noch schlimmer wäre! Frühförderung
- als ob Kinder die Lust an der Schule später verlieren, wenn die Kindergärten
interessanter sind! Methodentraining - als ob es ein Bildungszuwachs sei,
wenn Schüler lernen, oberflächlich zu lesen und dabei die Texte
signalfarben anzustreichen.
Als die Pisa-Hysterie ihren Höhepunkt erreicht hatte und Scharen von
Bildungsexperten nach Skandinavien pilgerten, besuchte Mats Ekholm, damals
Direktor der schwedischen Schulbehörde, Deutschland. Natürlich wurde
er gefragt, was ihm an den deutschen Schulen besonders aufgefallen sei. Seine
Antwort: "Dass die Kinder nichts zu essen bekommen."
Er hätte auch auf das seltsame Schulsystem verweisen können, das
es erlaubt, scheiternde Schüler einfach abzuschieben und nach unten weiterzureichen,
er hätte das föderalistische Gezerre um die Lehrpläne erwähnen
können oder die fehlenden Standards. Aber fehlende Mahlzeiten?
Die Kinder bekommen nichts zu essen: Möglicherweise rührt diese
harmlose Bemerkung an den Kern des Problems. Schule - so wie sie derzeit ist
- macht nicht satt. Sie nährt nicht. Bildung wird verabreicht wie Fertigkost,
rasch aufgewärmt, schlecht gekaut hinuntergewürgt und allzu oft
unverdaut wieder ausgeschieden. Wie ein Organismus sich wehrt gegen Zwangsernährung,
sträubt sich der Geist gegen das Abgefüttertwerden. Dementsprechend
hoch ist die latente Bildungsfeindschaft: Wer gerne lernt, wird als Streber
denunziert - ein Phänomen, unter dem insbesondere Mädchen leiden
und das es so in vielen anderen Ländern nicht gibt. Die englische Sprache
kennt nicht einmal ein Wort dafür. Briten reagieren denn auch einigermaßen
überrascht, wenn sie hören, wie selbstverständlich sich deutsche
Akademiker damit brüsten, in ihrer Schulzeit gemogelt und abgeschrieben
zu haben.
Unwiderlegt bleibt Hartmut von Hentigs Kritik, die Schule entlasse ihre Schüler
"kenntnisreich, aber erfahrungsarm, erwartungsvoll, aber orientierungslos,
ungebunden, aber auch unselbstständig". Wie müsste eine Schule
aussehen, in der Kinder ihren Hunger stillen können - den Hunger nach
Erfahrung, nach Bewegung, nach Schönheit, nach Sinn?
Schulen in Deutschland sind häufig ungastlich. Sie heißen nicht
willkommen, sondern suggerieren: Du bist ungenügend. Weder Schüler
noch Lehrer halten sich dort gerne auf. Die einen werden krank, die anderen
fliehen in die innere Emigration. In einem System, das erwartet, dass Kinder
in eine Schule "passen" - anstatt die Schule den Kindern anzupassen
- stimmen sie zu tausenden mit den Füßen ab, sobald sie merken,
dass sie nicht gewinnen können und glauben, dass sie nichts mehr zu verlieren
haben. Das Schwänzen hat epidemische Ausmaße angenommen - in einigen
Bundesländern soll jetzt die Polizei das Problem lösen.
All dies war längst bekannt. Und der eigentliche Skandal, den Pisa ans
Licht gebracht hat - dass Schule Bildungschancen entsprechend dem sozialen
Stand der Eltern zuweist - wird weder durch ein Zentralabitur noch durch eine
Verkürzung des Gymnasiums aus der Welt geschafft werden. Vielleicht ist
das nicht einmal gewollt.
An flächendeckenden Tests jedenfalls wird das Bildungswesen
nicht genesen. So viel steht schon fest. Die Bildungsstandards in ihrer derzeitigen
Form schreiben die Trennung nach Schultypen fort. Nach wie vor werden also
die Schüler bewertet werden und nicht die Schulen. Wenn ein Kind den
Standard verfehlt, hat nicht die Schule versagt, sondern das Kind wird die
Schule wechseln müssen. Alles wie gehabt also.
Dazu kommen die Nebenwirkungen der "Testeritis": Aus den USA und
Großbritannien ist bekannt, wie stark einheitliche Leistungsstandards
den Unterricht und die gesamte Schule verändern können. Dort werden
die Testergebnisse der einzelnen Schulen veröffentlicht. Doch nicht nur
das: Schulen, deren Schüler bei den Tests schlecht abschneiden, erhalten
weniger Geld.
Von diesem Druck erhoffte man sich eine deutliche Steigerung der Schulen.
Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Georg Lind, Erziehungswissenschaftler
an der Universität Konstanz, hat verschiedene Studien ausgewertet und
ist zu folgendem Ergebnis gekommen: "Das Konkurrenzverhalten und die
Gewalt unter Schülern nimmt zu, die Fluktuation von Schülern und
Lehrern steigt, das Curriculum verarmt, Betrug, um bessere Testwerte zu erhalten,
greift auf allen Ebenen um sich, die soziale Ungleichheit steigt - und die
Schulleistungstestwerte nehmen insgesamt ab."
Zumindest das berüchtigte Teaching to the Test lässt sich ansatzweise
auch schon hier zu Lande beobachten: Wenn Vergleichsarbeiten anstehen, opfern
viele Schulen wertvolle Unterrichtszeit, um ihre Schüler für die
Tests zu trainieren. In den USA ist die Verengung des Lehrplans schon deutlich
weiter fortgeschritten, und der Unterricht wird "immer mehr zu einer
bloßen Testvorbereitung", warnt Lind.
Mit Schulentwicklung hat das nichts zu tun. Die so genannten Bildungsstandards
messen ebenso wenig Bildung, wie eine Kalorientabelle sagen kann, was gutes
Essen ist. Bildung beinhaltet sehr viel mehr als ein Bündel objektivierbarer
Fertigkeiten. Um noch einmal von Hentig zu zitieren: "Sie ist erstens
das, was der sich bildende Mensch aus sich zu machen sucht, ein Vorgang mehr
als ein Besitz." Zum Zweiten beinhaltet Bildung das Wissen und die Fertigkeiten,
die es dem Menschen ermöglichen, in der Gesellschaft zu überleben.
In diesen Bereich fallen die so genannten Bildungsstandards ebenso wie die
Kompetenzen, die Pisa misst.
Und zum Dritten gehört zur Bildung "das, was der Gemeinschaft erlaubt,
gesittet und friedlich, in Freiheit und mit einem Anspruch auf Glück
zu bestehen". Hartmut von Hentig nennt dies politische Bildung. Erstaunlicherweise
wird dieser letzte Aspekt so gut wie nie diskutiert. Doch welchen Sinn, welche
Berechtigung hat ein steuerfinanziertes und für alle verbindliches Schulsystem,
wenn nicht zu allererst den: Menschen zu mündigen Bürgern zu erziehen?
Wenn es nur ums Überleben auf dem Arbeitsmarkt geht, reichen Bildungsgutscheine
völlig aus.
Wie muss eine Schule aussehen, die Bildung nicht verhindert, sondern tatsächlich
befördert und ermöglicht? Sie muss radikal individualisiert sein.
Sie muss demokratisch sein - wovon wir heute unendlich weit entfernt sind.
Sie muss ein Ort sein, wo vielfältige Erfahrungen möglich sind,
wo die Leidenschaft zu lernen, sich und die Welt zu entdecken täglich
genährt wird.
Eine Überforderung? Soll sich Schule nicht lieber auf "ihr Kerngeschäft
besinnen"? So sprechen gemeinhin diejenigen, die Grundsatzdiskussionen
unterbinden wollen. "Kerngeschäft": Das ist die höfliche
Variante von "Schluss mit der Kuschelpädagogik". Schule könne
nicht alle Probleme lösen, heißt es dann; sie sei nicht die Reparaturanstalt
der Gesellschaft, und deshalb soll endlich wieder mehr unterrichtet und weniger
diskutiert werden. Schließlich hängt "die Optimierung von
Lernprozessen" laut Köller ausschließlich davon ab, wie "professionell
und erfolgreich im Unterricht agiert wird". Wenn das denn so einfach
wäre!
Es ist ja nicht so, dass unterbeschäftigte Pädagogen wahllos Probleme
auflesen und in die Schule tragen würden - ihre Schüler, die ihnen
anvertrauten Kinder, haben diese Probleme, und deshalb muss Schule darauf
reagieren und damit umgehen.
Ein kleines Häuflein von Reformschulen hat nun einen Anfang gemacht.
"Blick über den Zaun" nennt sich das Netzwerk, das sich unter
dem selbstbewussten Titel "Unsere Standards" an eigenen Standards
versucht hat. Im Gegensatz zu den Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz,
die Schülerleistungen beschreiben, handelt es sich bei "Unsere Standards"
um pädagogische Standards, die eine Antwort geben auf die Frage, "was
eine gute Schule ist und woran man das erkennen kann", so Annemarie von
der Groeben, didaktische Leiterin der Laborschule Bielefeld.
Eine gute Schule ist nach Auffassung der Reformpädagogen eine, die "den
Einzelnen gerecht" wird, die "Lernen so anlegt, dass daraus Bildung
wird", die "Demokratie lernen und leben" will und sich selbst
als "lernende Institution" versteht. Die davon abgeleiteten Standards
sind erfreulich konkret und verständlich formuliert. Schließlich
sollen sie überprüfbare Merkmale bezeichnen, fordert von der Groeben:
"Jeder Beobachter kann sich davon überzeugen, ob die Schülerinnen
und Schüler im Klassenraum alle benötigten Materialien vorfinden,
ob der Unterricht so angelegt ist, dass alle - gemessen an ihren Möglichkeiten
- zu guten Leistungen gelangen können, und ob sie ihre Arbeit in Ruhe
und ohne Zeitdruck tun können."
Wer von Bildung spricht, müsste zuallererst sein Bild vom Menschen offen
legen. "Unsere Standards leiten wir von den Kindern ab", sagt Alfred
Hinz, Leiter der viel gepriesenen Bodensee-Schule St. Martin und ebenfalls
Mitglied im Netzwerk "Blick über den Zaun". Die katholische
Schule beruft sich unter anderem auf Maria Montessori, die gefordert hat:
"Gott im Kind erkennen". Hinz folgert: "Standards, die allein
auf abprüfbares Wissen zielen, verstellen diesen Reichtum. Habemus Kinder
muss es heißen, und nicht habemus Standards." ?
"Unsere Standards" in: Neue Sammlung 2/05, Friedrich-Verlag oder
unter www.blickueberdenzaun.de