Text 1: Zusammenfassung
Neue Betrachtung über "den Karren im
Dreck" oder
die Kategorische Marktwirtschaft als Ökonomie des 21. Jahrhunderts
Die Krise der Industriegesellschaft verfestigt sich. Kein nachhaltiger
Ausweg scheint in Sicht.
Plädoyer für eine grundsätzlich neue Debatte unter
Missachtung politisch-ökonomischer Dogmen.
(von Carl Christian Rheinländer)
TEIL 1 - Mythos Wirtschaftswachstum
Reden wir über Wachstum. Reden wir über das wichtigste Schlagwort
unserer Politiker aus allen im Parlament vertretenen Parteien, seien
sie nun an der Regierung oder in der Opposition, diese seltsam dauerhafte
Einvernehmlichkeit von schwarz-rot bis gelb- rot-grün. Betrachten
wir diesen ach so mythischen Begriff etwas genauer, welcher in nahezu
jedem Statement zur Lage der Nation enthalten sein muss, diesen dauerhaft
erhobenen Zeigefinger insbesondere auch der anerkannten Wirtschaftsforschungsinstitute
und ihrer Sprecherinnen und Sprecher, auch Wirtschaftsweise genannt,
dieses scheinbar unanfechtbare, stumme Symbol, die ewig gleiche Mahnung:
Wachstum!
Viele können das Thema nicht mehr hören, impliziert es mittlerweile
doch unbewusst so etwas wie rhetorisches Karussellfahren, wo am Ende
nur ein Schwindelgefühl bleibt und die Gewissheit, bald wieder
in den Strudel zu müssen.
Doch man kann auch anders an die Sache herangehen. Dies ist gar unvermeidlich,
weil wir möglichst bald eine Antwort finden müssen zur drängendsten
Frage der Gegenwart, die da lautet: Wie kann die Krise der Industriegesellschaft
und der Wirtschaft beendet werden? Oder: Wie kommt der Karren dauerhaft
aus dem Dreck?
Bisher wird diese große Frage wie selbstverständlich,
betont beiläufig und schon gelangweilt routiniert wie folgt beantwortet:
durch Wachstum, durch mehr Wirtschaftswachstum!
Wer wagt hier zu widersprechen? Die berühmte Antwort muss richtig
sein, wo doch der Konsens darüber derart gewaltig ist, nicht
nur in Deutschland, sondern weltweit. Mehr Wachstum, dies fordern
studierte Ökonomen in Europa, Nordamerika und Asien, unbestrittene
Fachleute auf dem Gebiet, dies fordern große Staatsmänner
aus Industrieländern wie aus Schwellenländern, es fordern
Banken, Konzerne, Unternehmensberater, Börsenmakler, Energieversorger,
Industriepräsidenten wie Gewerkschaftsführer, Abgeordnete
der Landesparlamente und Kommunalpolitiker, Zeitungs- und Fernsehredakteure,
die Intellektuellen im Lande, oder besser gesagt das Schweigen der
Intellektuellen, ja sogar die Bevölkerung anlässlich entsprechender
Befragungen.
Aber bohren wir doch ein wenig nach: Wie kann durch Wirtschaftswachstum
die Krise beendet werden?
Auch diese Antwort ist hinlänglich bekannt und lautet: weil durch
Wirtschaftswachstum, durch Aufleben der Konjunktur Arbeitsplätze
entstehen und der Staat mehr Einnahmen bekommt, genauer: indem die
Wirtschaft mehr Gewinne macht, diese Gewinne dann wieder investieren
kann in zusätzliche Arbeitsplätze, wettbewerbsfähigere
Produktionsanlagen und die Entwicklung neuer Produkte beispielsweise,
weil die Menschen durch neue Arbeitsplätze mehr Einkommen haben,
mehr ausgeben können, der Konsum steigt, die Abgaben an den Staat
in die Höhe schnellen bei gleichzeitiger Verminderung der krisenbedingten
Staatsausgaben wie Arbeitslosengelder, Rentenzuschüssen und sonstigen
sozialen Rettungssubventionen, usw., usf.
Doch wir wollen es noch genauer wissen: Nach welcher Gesetzmäßigkeit
oder Verpflichtung führen höhere Gewinne in der Wirtschaft
zu neuen Arbeitsplätzen?
Was ist dran an der Regel, dass eine positive Bilanz eines Unternehmens,
bzw. die Summe positiver Bilanzen der Unternehmen im Land auch immer
zu positiven Wirkungen für die Volkswirtschaft führen, zu
dauerhaften Arbeitsplätzen mit Löhnen, die Arbeiter und
Angestellte mit deren Familien ernähren können, sie von
Staatsbezügen unabhängig machen und sie befähigen,
am Konsum, am durchschnittlichen Alltag teilzunehmen?
Definiert wird Wirtschaftswachstum als relative Veränderung
der Wirtschaftskraft eines Landes von einer Wirtschaftsperiode zur
nächsten, wobei als Maßstab in der Regel das Bruttoinlandsprodukt
(BIP) gilt.
Doch dieses Bruttoinlandsprodukt, so sehr es auch als Wohlstandsmesser
instrumentalisiert werden mag, misst nur die in Geld beglichenen Leistungen
innerhalb eines Zyklusses, nicht aber deren Nutzen!
Mehr noch: Auch Schäden für Einzelne oder für die Volkswirtschaft,
sofern überhaupt Anstrengungen für deren Reparatur unternommen
werden, tauchen in der letztendlichen Berechnungssumme nur als positive
Posten auf, als Vorgänge, die wiederum Steuern und Abgaben für
den Staat erbringen.
Hier beginnt die Sache nun paradox zu werden: Neben allen überwiegend
positiven Leistungen wird unser BIP, und somit das Wachstum, auch
von allerlei zweifelhaften Bilanzen in die Höhe geschraubt und
dies mit zunehmender Tendenz:
Beispielsweise tragen große Autos mit spritschluckenden Motoren
theoretisch mehr zum Wachstum bei als sparsame PKW, für die weniger
Kraftstoff gekauft und weniger Produktionsmittel eingesetzt werden
müssen. Sind die Autos schwerer, garantiert dies etwa auch den
schnelleren Verschleiß des Straßenbelags und der Reifen
und mehr Aufträge für Straßenbaufirmen, die Zuliefererindustrie
und Rohstoffproduzenten. Kommt es zu mehr Unfällen, beschert
dies den Krankenhäusern und Rehabilitationseinrichtungen, der
Pharma- und der Prothesenindustrie, den Autowerkstätten und Ersatzteilehändlern
und sogar den Bestattungsunternehmern mehr zu versteuerndes Einkommen
und dem Staat mehr Geld.
Man verzeihe den scheinbaren Zynismus, aber: Macht zum Beispiel eine
verfehlte Nahrungsmittelproduktion und in die Irre geleitete Essgewohnheiten
viele Menschen fettleibig, profitiert davon neben der Nahrungsindustrie
unter anderem etwa auch die Kleidungsindustrie, die Kosmetikbranche,
Ratgeberverlage, Diätbranchen, sonstige Übergrößenversorger,
usw. Die Pharmabranche freut sich über die erhöhte Nachfrage
nach Diabetesmedikamenten und anderen Symptombekämpfern.
Oder macht beispielsweise die Abschaffung dezentraler Strukturen für
die Versorgung einer Gemeinschaft mit Grundnahrungsmitteln weite Transportwege
nötig, profitiert davon etwa die Speditionsbranche, die LKW-Hersteller,
früher oder später die Straßenbauer, die Fensterbaufirmen,
weil an den Straßen neue Schallschutzfenster benötigt werden,
wiederum die Pharmabranche wegen mehr Medikamenten gegen Asthmaerscheinungen
und Herz-Kreislauferkrankungen. Quillt unser Briefkasten vor lauter
Werbeblättern über, nützt dies den Holzimporteuren,
der Papierindustrie, den Druckfarbenherstellern, den Druckereien und
Prospektverteilern wie den Abfallentsorgern und steigert das Wachstum.
Dämmt dagegen ein Hausbesitzer sorgfältig sein Gebäude,
bremst dies mittelfristig das Wachstum, weil er danach weniger Brennstoff
kaufen muss. Baut eine Gartenbesitzerin für sich Gemüse
an und kauft deshalb weniger im Geschäft, schadet sie im Prinzip
dem Wachstum. Repariert ein Heimwerker einen kaputtgegangenen Gebrauchsartikel,
statt ihn wegzuwerfen und einen neuen zu kaufen, schadet er dem Wachstum.
Renoviert ein Ortverschönerungsverein die Außenwand des
Gemeindehauses in Eigenleistung und verwendet er dafür selbst
hergestellte Fassadenfarbe, wird die dortige Ölheizung durch
eine Biogasheizung ersetzt, die neuen Parkplätze mit gebrauchtem
Pflaster befestigt und der Kuchen zur Einweihungsfeier von den Landfrauen
selbst gebacken, wird so ein großer Beitrag zum Wachstum vorenthalten
und die Konjunktur geschädigt, usw., usw., - im Prinzip lassen
sich unendlich viele solcher Beispiele finden, die uns zumindest die
Stirn runzeln lassen. Kurz:
Eine theoretisch gewünschte Entwicklung ist untrennbar mit Mechanismen
der sofortigen Vereitelung der Entwicklung verbunden, wird aber trotzdem
angestrebt, etwa wie der Bergwanderer, der sich auf dem Rückweg
seiner Tour den Abhang hinunterstürzt, nicht um sich umzubringen,
sondern um schneller Zuhause zu sein.
Darüber, dass von der Höhe des Wirtschaftswachstums in
einem Land auf keinen Fall Rückschlüsse auf die Lebensqualität
der Bevölkerung gezogen werden kann, besteht sogar weitgehend
Konsens.
Auch der leidige Begriff Wohlstand, über dessen Definition die
Meinungen sehr weit auseinanderliegen, kann nur sehr bedingt mit Wirtschaftswachstum
gemessen werden. Allenfalls ein rein materieller, theoretischer und
als übergeordneter Durchschnittswert verstandener Wohlstand kann
mit Wachstum in Verbindung gebracht werden, kaum aber ein qualitativer
Wohlstand im Sinne von überfinanziellem Glück und Zufriedenheit.
Doch blicken wir noch weiter in die Details und betrachten ganz allgemein
bei allen wachstumssteigernden Effekten innerhalb unserer Ökonomie
die eindeutig negativen Auswirkungen:
Das Streben nach Wachstum bedingt höheren Treibstoff- und Energieträgerverbrauch,
höhere Abgas- und Abwässererzeugung, höheren Rohstoff-
und Materialbedarf, intensiveren Naturflächenverbrauch, höhere
Gesundheitskosten, Abbau regionaler Versorgungsstrukturen, Erhöhung
des Transportbedarfs und des Fahrzeugaufkommens, Neu- und Ausbau von
Verkehrsstraßen, Verringerung der Bevölkerungsgesundheit
und der Leistungsfähigkeit der einzelnen Menschen, Unterordnung
der individuellen Freiheit unter eine allmächtige, sich verselbstständigende
Rationalisierungsdynamik, Beibehaltung eines gewaltigen Müllaufkommens
- ja, verstärkte Produktion kurzlebiger, schwer trennbarer, müllintensiver
Gebrauchsartikel, Reduzierung der Rentabilität von Reparatur
und Verwertung, Herabwürdigung privater Eigeninitiative und Eigenversorgung,
über die Werbung: Entstehen eines allzeit präsenten Produkt-
und Markenfetischismus bei gleichzeitiger Evakuierung menschlichen
Bewusstsein von existenziell notwendigen Aspekten, usw., - also kurz
und zusammengefasst gesagt:
Wirtschaftswachstum im herkömmlich verstandenen Sinne begünstigt
unmittelbar und in starkem Maße eine ganze Reihe ökologischer
und sozialer Folgeschäden, die Medaille hat also gewissermaßen
eine bittere und gerne verdrängte Kehrseite.
Doch sind diese Schäden, wie der sorgfältig gepflegte Anschein
glauben machen will, gegenüber den positiven Auswirkungen von
Wachstum eher klein? Sind sie vernachlässigbar, so dass Wachstum
unserer Volkswirtschaft unter dem Strich einen unbestrittenen Nutzen
bringt?
Wie sehen denn die mittel- und langfristigen Auswirkungen sowohl der
ökologischen wie der sozialen Schäden aus.
Ökologische Schäden entstehen beispielsweise durch die Freisetzung
von Schadstoffen durch konventionelle Energieerzeugung, durch Rohstoffgewinnung
und -verarbeitung, Transporte, Naturverbrauch, Meeresverschmutzung,
Freisetzung und Verteilung giftiger Stoffe entweder als Nebeneffekt
einer Produktion oder absichtlich wie in der konventionellen Landwirtschaft,
Verschwendung von Trinkwasser, Lärmemissionen, usw.
Zur Höhe der ökologischen Schäden unseres Wirtschaftens
existieren Studien aus den 1980er und den frühen 1990er Jahren.
Je neuer die Untersuchung war, desto mehr Parameter konnten in die
Rechnung einbezogen, kalkuliert und beziffert werden.
Rechnet man die letzten Studien von vor über 10 Jahren (Umwelt-
und Prognoseinstitut Heidelberg, Fraunhofer-Institut für Systemtechnik
und Innovationsforschung (ISI) in Karlruhe, Prognos AG, Basel) auf
die Gegenwart hoch, berücksichtigt man also ein gereiftes Schadensbewusstsein,
neue Erkenntnisse und Berechnungsmöglichkeiten und das Dazukommen
der neuen Bundesländer, so muss man von einer jährlichen
Schadenssumme nur für Deutschland in Höhe von derzeit mindestens
400 bis 500 Milliarden Euro ausgehen.
Bezüglich der sozialen Schäden ist eine Bezifferung schon
sehr viel schwieriger. Lediglich Teilbereiche wurden bisher näher
betrachtet und meist ohne einen direkten Bezug zum verursachenden
Wirtschaftsbereich. Untersuchungen, die soziale Schäden in einer
konkreten Schadenssumme ausdrücken können, gibt es fast
nicht.
Wie diese aussehen könnten, zeigten beispielsweise Wissenschaftler
der Universität Ulm. Im Jahre 2000 verfassten sie eine umfangreiche
Studie über den volkswirtschaftlichen Gesamtschaden durch das
Rauchen. Sie kamen auf einen jährlichen Betrag von 33,8 Milliarden
DM, also etwa 17 Milliarden Euro.
Diese Summe müsste den wirtschaftlichen Bilanzen der Tabakindustrie,
deren Zulieferern und den Tabakläden, aber auch den Staatseinnahmen
durch Tabaksteuer beispielsweise entgegengehalten werden. Hängen
bleiben die Schäden ganz woanders, nämlich an Teilen des
Gesundheitssystems in Form von Kosten für stationäre Versorgung
in Akut- und Rehabilitationskrankenhäusern, für ambulante
Versorgung und für Arzneimittelversorgung, am Renten- und Pflegesystem
in Form von Kosten für Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit,
an der Gesamtgesellschaft durch den Ausfall an Arbeitskraft und Leistungsfähigkeit
und, - dieser Posten ist in der oben genannten Summe, weil schwer
quantifizierbar, gar nicht enthalten, - in Form von Kosten im privaten
Bereich durch Arbeitsausfall in der Hausarbeit und bei der Betreuung
von Angehörigen.
Selbstverständlich könnten sich hier auch schlitzohrige
Zyniker zu Wort melden und bemerken, wer an Lungenkrebs gestorben
sei, belaste nicht mehr die Rentenkasse, oder die Versorgung der Rauchopfer
ermögliche ja auch Gewinne für Kliniken und Pharmabranche.
Erstens verdrängen diese das unendliche Leid, welches oft zwangsläufig
dem Genuss folgt, zweitens sind wir uns wohl einig, dass ein normales
Arbeitsleben bis 65 mit anschließender durchschnittlicher Rentenbezugsdauer
für die Gesellschaft besser ist als vorzeitiger, suchtbedingter
Tod, - wofür hätten wir dieses System denn sonst, - und
drittens ist die Argumentation so haarsträubend wie die Forderung
nach Ausdünnung der Bevölkerung mittels eines Krieges.
Auch andere Branchen der Wirtschaft produzieren neben statistischen
Gewinnen auf der einen Seite wie selbstverständlich auch Schäden
an der Gesundheit ihrer Konsumenten und brauchen dafür nicht
aufzukommen. Selten sind die offensichtlichen Zusammenhänge so
deutlich darstellbar, wie im oben genannten Beispiel. Neben der Tabakindustrie
wären hier noch die Alkoholerzeuger und große Teile der
Nahrungsmittelindustrie zu nennen.
Fachleute gehen davon aus, dass die Hälfte aller Erkrankungen
in unserem Land durch falsche Ernährung verursacht wird, also
durch eine Ernährung, die zwar den Produzenten Gewinne und der
Bevölkerung Kalorien bringt, die aber für die Spezies Mensch
nicht artgerecht ist, biologisch auf Dauer nicht verkraftet werden
kann und den Körper schädigt. Wie immer sind auch hier die
Gewinne der Konjunktur förderlich, während die Schäden
an den Menschen nicht mit der Ursache in Bezug gesetzt werden. Zwar
lebt von diesen Schäden wiederum die Gesundheitsindustrie, die
ebenfalls ihren Beitrag zum Wachstum erbringt. Nur muss man endlich
sehen, dass diese Branchen faktisch zum großen Teil bis nahezu
vollständig vom Gesundheitssystem getragen, also von der Gemeinschaft
der Beitragszahler finanziert werden.
Zu den sozialen Schäden gehören aber auch Auswirkungen unserer
Ökonomie, die erheblich subtiler erfolgen.
Zustimmung wird man hier eventuell noch bekommen, wenn man das Geschehen
innerhalb vieler kleiner privaten Zellen betrachtet, etwa innerhalb
vieler Familien, die betroffen sind wenn die Haupterwerbsperson durch
die neueste Entlassungswelle ihres Arbeitgebers zum Zwecke einer Rationalisierungs-,
Produktionsverlagerungs- und Profitsteigerungsmaßnahme ihre
Arbeit verliert. Das Fundament dieser Familien gerät ins Wanken,
nicht nur durch die abrupte Änderung der finanziellen Situation,
sondern auch durch die daraus wiederum resultierenden Folgen innerhalb
der Familienpsyche bis hin zum Gau durch Privatinsolvenz. Doch dann
hat die Öffentlichkeit sich längst ausgeblendet. Allenfalls
werden noch die Gesamtzahlen veröffentlicht und der Trend hin
zu mehr Insolvenzen festgestellt, mitsamt sorgenvollem Kommentar.
Dass es sich hier um externalisierte soziale Schäden unseres
Wirtschaftssystems handelt, wird nicht betont.
Die Bilanzen des Konzerns aber verbessern sich, das Wachstum wird
entsprechend dem ökonomischen Lehrbuch erheblich gesteigert.
Die Gewerkschaften echauffieren sich eine Zeit lang pflichtgemäß,
Politiker schweigen, günstigstenfalls mit einem frohen und einem
traurigen Auge, stoßen manchmal gar kalkuliert kurzlebige Empörungsformeln
aus, exakt darauf abgestellt, es sich damit einerseits nicht längerfristig
mit der Industrie zu verderben, andererseits aber auch möglichst
längerfristig den Hauch einer bleibenden Erinnerung ihres Protestschleiers,
ihrer sogenannten sozialen Kompetenz, in den Wählerköpfen
zu installieren.
Äußerst schwer erforschbar wird es schließlich,
wenn man den Umfang der sozialen Schäden möglichst vollständig
abschätzen will. Hierzu wären sicherlich umfangreiche Forschungen
unter Hereinnahme von Erkenntnissen der Berufsgruppen nötig,
die sich um die Problematik der kleinen Leute, um die Schwierigkeiten
in den vielen kleinsten und kleinen Gruppen der Gesellschaft kümmern.
Man sollte etwa die Hausärzte fragen, was die Patienten nach
Diagnose und geschriebenem Rezept kurz vor dem Hinausgehen noch erzählen.
Man sollte Psychologen und Therapeuten dazu anregen, doch mal aufzuschreiben,
welche Probleme ihrer Patienten denn von Ursachen herrühren,
die von außen auf diese wirken, von Aspekten, die der subjektive
Zeitgeist unbewusst vorgibt und die sie vergeblich zu erfüllen
versuchen.
Welche Sorgen resultieren aus der Erwerbsarbeit und dem dort herrschenden
Druck, welche Folgen entstehen für die Partnerschaft durch Unterwerfung
unter einen gewissen Herdenalltag? Welche Belastungen erleben Kinder
durch Markendiktat und Aussehensvorschriften, durch kaum erfüllbare,
aber vorgegebene Konsumnotwendigkeiten? Warum sinkt die Grundzufriedenheit
in der Gesellschaft bei gleichzeitiger Zunahme von Depressionen und
depressionsbedingter Konflikte und Krankheiten? Man sollte Sozialarbeiter,
Streetworker, Jugendpolizisten, Sozialberater oder Pfarrer befragen
und die Ergebnisse endlich ernst nehmen. Man sollte Soziologen wichtiger
stellen als Ökonomiewissenschaftler, Mütter wichtiger als
Familienminister, Jugendarbeiter wichtiger als Kultusbehörden.
Woraus resultiert denn die Tatsache, dass immer weniger Jugendliche
sich psychisch, physisch und bildungsbedingt für den Eintritt
ins Berufsleben eignen? Was lenkt diese jungen Menschen auf ihrem
Werdensweg über Kindheit und Jugendzeit denn vom, fern des Zeitgeistes
und der Moden, Lebensnotwendigen ab?
Wird das Potenzial der Erneuerung unserer Gesellschaft, unsere eigenen
Kinder, nicht massiv mit dem geimpft, was Profit verspricht? Wird
demgegenüber nicht Tag für Tag das existenziell Wichtige,
weil profitabel schlecht fassbar, unterbewusstgesteuert degradiert?
Wird in den Köpfen der Jugend nicht jeder zwischenmenschliche
Aspekt, der außerhalb von Geschäft und Konsum liegt, gnadenlos
und endgültig zu Langweilerthemen, zu öden Erwachsenenthemen
abgestempelt? Welche Art von Staatsbürgertum soll hieraus folgen,
wenn nur noch Spaß und Party zählen, neben Verantwortungslosigkeit
und Fremdversorgtwerden?
Hier haben wir es mit einem schier endlosen Feld sozialer Folgeschäden
durch die kapitalistische Ökonomie zu tun, und es gibt derzeit
kaum einen ernstzunehmenden Ansatz zur Beackerung desselben, geschweige
denn zur Anerkennung dieser Phänomene als direkte und fatal wirksame
Auswirkung unseres Wirtschaftens, die alles zunichte machen werden,
was wir als Wohlstand uns erwirtschaftet haben.
Der gegenwärtig aber wohl bedeutendste Posten an sozialen Schäden,
welcher von der in Industrieländern herrschenden Ökonomie
verursacht wird, ist die Massenarbeitslosigkeit. Deren Schadkosten
sind teilweise sogar bezifferbar. Darüber hinaus lässt sich
diese auch als Resultat oder Spiegelbild großer Teile der ökologischen
Schäden begreifbar machen. Zusammen mit all ihren subtilen und
fatalen Folgen, wurde sie bislang gar nicht direkt mit der inneren
Logik der Ökonomie in Verbindung gebracht. Im Gegenteil, bis
heute hält sich hartnäckig die Ansicht, dass das Wirtschaftssystem,
wenn es nur entsprechend den Vorstellungen anerkannter Ökonomieideologen
brummt, also Wirtschaftswachstum satt produziert, die Arbeitslosigkeit
beseitigt.
Die gesamte Politik der neuen Bundesregierung, wie auch die der Regierungen
davor, stützt sich auf diesen Glaubenssatz.
Dass diese Regel allerdings ihre Richtigkeit eigentlich noch nie deutlich
unter Beweis gestellt hat, dass seit den 1960er Jahren die Arbeitslosigkeit
unablässig ansteigt, egal welche Wachstumsraten gerade errechnet
wurden, stört die Fachleute dabei nicht. Selbst das in den letzten
Jahren immer deutlicher auftretende Phänomen des "jobless
growth", dem Wachstum ohne die Entstehung von Arbeitsplätzen,
wie es zuerst in den USA, mittlerweile aber auch in Europa und Asien
staunend festgestellt wird, lässt die Ökonomen nicht an
ihrer Regel, dass Wachstum zu Arbeitsplätzen führt, zweifeln.
Kann es sein, dass die Fachleute sich hier irren? Kann es sein, dass
Wachstum auf Dauer sogar Arbeitsplätze vernichtet, nicht, wie
gelegentlich zugegeben hier und da, in einzelnen veralteten Branchen,
sozusagen als marginale Ausnahme von einer großen Regel, sondern
generell in allen Sparten, dass quantitatives Wachstumsstreben auf
lange Sicht zum weitgehenden Verdrängen menschlicher Arbeitskraft
aus den meisten Produktionsabläufen führt?
Welche Prozesse innerhalb der Wirtschaft haben denn in den letzten
Jahren zu Wachstum geführt, bzw. welche Instrumentarien aus dem
ökonomischen Lehrbuch wurden denn in den Unternehmen umgesetzt?
Abstrakt und ökonomiewissenschaftlich formuliert lautet die Antwort
hier: Maßnahmen zur Steigerung der Produktivität.
Dies wird in der gegenwärtigen Ökonomie über die Reduzierung
der Produktionskosten erreicht, dies wiederum durch Senkung der Lohnkosten,
Senkung der Kosten für Rohstoffe und Produktionsgüter, Rationalisierung
des Produktionsablaufs und Reduzierung der sonstigen Standortkosten.
Konkret heißt das: Entlassung von Arbeitskräften oder Lohnkürzungen,
Mechanisierung, Verlagerung von Produktionsbereichen in Billiglohnländer
oder Regionen mit geringeren Umweltstandards, Konzentration auf Billigzulieferer,
Aufwandsreduzierung durch Herunterfahren der Produktqualität,
usw.
Ganz wichtig ist hier die Feststellung, dass all diesen Maßnahmen
zur Produktivitätssteigerung eines gemeinsam ist: Keine der vom
rationalisierenden Unternehmen eingesparten Kosten sind gänzlich
aus der Welt. Sie wurden lediglich, ganz im Einklang mit den Regeln
des herrschenden Wirtschaftssystems, und völlig legal, auf andere
Ebenen, letztendlich also auf Dritte abgewälzt und brauchen das
Unternehmen fortan nicht mehr zu kümmern.
Wie ist dies möglich? - Wenn Arbeitskräfte entlassen werden,
überträgt das Unternehmen die Verantwortlichkeit für
deren Auskommen zumindest vorübergehend auf die Allgemeinheit.
Die Menschen sind ja nicht weg. Sie müssen auch nachher essen,
trinken und wohnen. Wenn ihre verlorene Arbeit dies nicht mehr zu
sichern vermag, muss dies der Staat tun, sofern sie nicht anderswo
eine neue Arbeit finden können, - und dies wird eben immer schwieriger.
Entlässt eine Firma Mitarbeiter, um den Bankrott abzuwenden,
wäre die Maßnahme noch einzusehen.
Doch heutzutage werden Arbeitskräfte zunehmend entlassen, um
enorme Unternehmensgewinne noch weiter zu steigern und den Aktienwert
zu erhöhen. Die Menschen werden mehr und mehr durch Maschinen
ersetzt, die, dem technischen Fortschritt sei Dank, auf die Dauer
kostengünstiger produzieren. Es wird entlassen um billigere Arbeitskräfte
einstellen zu können bzw. die Fertigung gleich in Niedriglohnländer
auszulagern.
Diese Arten der Rationalisierung gehen eindeutig auf Kosten der Allgemeinheit,
es handelt sich hierbei, wie oben schon gesagt, um eine Verursachung
sozialer Schäden. Es ist den Unternehmen also möglich, für
ihre Produktivitätssteigerung mittels Arbeitsplatzabbau, und
somit auch für die Steigerung ihres Gewinns, die Allgemeinheit,
also den Staat zahlen zu lassen.
Doch damit nicht genug. Vor allem ökologische Schäden werden
neben den sozialen Schäden durch den allgemeinen Arbeitsplatzabbau
angerichtet, ja es zeigt sich hier, dass die ökologischen und
die sozialen Schäden an der Gesellschaft oft eng miteinander
verknüpft sind. Folgender Betrachtungsansatz sei aufgestellt:
Im Grunde gibt es eigentlich nur zwei Hauptarten von Arbeitsenergie,
mit denen eine Produktion betrieben werden kann: Die menschliche Arbeitsenergie
und die technische Arbeitsenergie (die Arbeitskraft von Tieren wollen
wir hier vernachlässigen).
Erstere ist grundsätzlich sehr umweltfreundlich zu haben, im
Überfluss vorhanden und nahezu überall einsetzbar. Gespeist
wird diese Energie einerseits aus der Nahrung, die der Mensch zu sich
nimmt, also aus regenerativer Quelle, sprich aus Sonnenenergie, andererseits
natürlich auch durch eine gute Ausbildung.
Ihr direkter Konkurrent, die technische Arbeitsenergie, wird durch
die Umwandlung von Energieträgern fossiler, nuklearer und regenerativer
Art hauptsächlich in Kraftwerken, Anlagen und Transportmitteln
bereitgestellt. Hierbei haben regenerative Energien wie Sonne oder
Wind wiederum einen kaum relevanten Anteil.
Die Energieerzeugung aus Erdöl, Gas, Kohle oder Radioaktivität
aber ist mit Abstand die größte Ursache für Umweltzerstörungen
aller Art. Diese Schäden an den natürlichen Lebensgrundlagen
von uns Menschen werden ganz und gar nicht von den Verbrauchern dieser
Energie, also von den letztendlichen Verursachern übernommen,
sondern sie werden auf die Allgemeinheit und vor Allem auf die nachfolgenden
Generationen abgewälzt.
Wird der Wettbewerb zwischen technischer und menschlicher Arbeitsenergie
heutzutage von Politikern, Wirtschaftsvertretern oder Ökonomen
betrachtet, kommt dabei immer die gleiche Schlussfolgerung heraus:
"Die menschliche Arbeitskraft ist zu teuer!"
Dieser Satz entspricht aber ebenso wenig der vollständigen Realität,
wie der, dass Wachstum Arbeit schafft.
Darüber hinaus beraubt er uns jeglichen Handlungsspielraums und
drängt uns in die Rolle von Ausgelieferten gegenüber einer
vermeintlich unabänderlichen geschichtlichen Katastrophe. Nach
diesem Satz bleibt der Politik nur noch die vor allem finanziell auf
Dauer verhängnisvolle Maßnahme übrig, die menschliche
Arbeitskraft zu bezuschussen.
Warum aber heißt es nicht: "Der direkte Konkurrent zur
menschlichen Arbeitskraft, die technische Arbeitsenergie, ist zu billig!"
?
So herum interpretiert ergäbe sich ein völlig neuer politischer
Handlungsspielraum. Die Anhaltspunkte für die Richtigkeit dieser
zweiten Aussage sind bei objektiver Betrachtung äußerst
plausibel.
Würde man alle Folgekosten und -schäden durch den Verbrauch
von Energie aus fossilen oder nuklearen Quellen, ja auch aus regenerativen,
angefangen etwa bei der Gewinnung und Förderung der Energieträger,
durch deren Transport, Aufbereitung, Anlagenerrichtung, Naturverbrauch,
Schädigungen durch Abgase, Abwässer und Abfälle, Entsorgung,
einfach alles, was zur letztendlichen Bereitstellung notwendig und
unvermeidlich ist, berechnen und anteilig auf jede Energieeinheit
addieren, würde man also den Energieverbrauchern die gesamten
Kosten auferlegen, bekämen wir völlig neue Bedingungen,
ja letztendlich erst faire Bedingungen im Wettbewerb zwischen menschlicher
und technischer Arbeitsenergie.
Ausgehend von Zahlenmaterial der oben erwähnten Studien zum Thema
Gesamtkosten der Externalisierung ökologischer Schäden,
lässt sich zur Höhe der Energieverteuerung zumindest soviel
sagen:
Die Preise für die Energieträger Kohle, Erdöl und Erdgas
stiegen um 300%, die Strompreise würden sich verzwölffachen,
während Strom aus Kernkraft auch durch Einführung einer
Kernschmelzunfallversicherung kaum noch bezahlt werden könnte.
Die Kosten für die Anschaffung und den Betrieb von Anlagen und
Maschinen würden drastisch steigen, da die Gesamtkosten des Energiebedarfs,
einmalig oder periodisch, dazu kämen. Jeglicher Transport mittels
LKW, Schiff, Flugzeug oder Bahn würde sich empfindlich verteuern,
sei es durch die Vervielfachung der reinen Treibstoffkosten, oder
durch konsequente Aufschlagung aller anderen Folgeschäden der
Transportmittelnutzung auf den Transportpreis.
Die individuelle kalkulatorische Grenze innerhalb jeder wirtschaftlichen
Sparte, jenseits welcher sich die Beschäftigung einer Arbeitskraft
für den Betrieb nicht mehr lohnt und der Technikeinsatz billiger
kommt, würde sich zu Gunsten der menschlichen Arbeitskraft deutlich
verschieben. Die jahrzehntelang betriebene Subventionierung der technischen
Arbeitsenergie im Wettbewerb mit der Menschenenergie, würde in
kurzer Zeit eingestellt und egalisiert werden. Alle ungerechtfertigt
aufgebauten Vorteile würden wertlos. Der Anreiz für Unternehmen,
etwa Teile der Produktion in Niedriglohnländer auszulagern oder
Arbeitskräfte durch Roboter zu ersetzen, würde zu Gunsten
der Beschäftigten im Inland einfach entfallen.
Die Arbeitswelt in Deutschland könnte sich fundamental wandeln.
Einige Produktionssparten würden verschwinden, sehr viel mehr
von ihnen würden sich entsprechend den neuen Regeln umstellen
und Alternativen entwickeln. Es gäbe immer noch große Industriebranchen
mit einem jetzt stark erhöhten Personalbedarf, doch vor allem
wären kleinbetriebliche Geschäftsideen auf einmal erfolgversprechend,
vornehmlich in der regionalen Produktion und Dienstleistung. Es würden
Millionen Arbeitsplätze entstehen, dauerhafte und sinnerfüllte
Arbeitsplätze, nicht einfach nur Beschäftigung, ohne dass
der Staat einen Cent dafür ausgeben müsste.
Die Menschen würden einen angeborenen Wert, den ihnen der technische
Fortschritt ungerechterweise genommen hat, ihre Schaffenskraft, ihre
Bereitschaft, für die Gesellschaft nützlich zu sein, zurückerhalten.
Die Wirtschaft wäre wieder für die Menschen da, das Leben
bekäme mehr Sinn und die Zukunft menschlichere Perspektiven.
TEIL 2: Ökonomisches Verständnis und verfassungsrechtliches
Selbstverständnis
Im ersten Teil wurde die These aufgestellt, dass die unter Politikern
und Ökonomen verbreitete Ansicht, Wirtschaftswachstum schaffe
Arbeitsplätze, falsch ist. Mehr noch: Vieles weist darauf hin,
dass Wachstum nach dem bisherigen Verständnis, d.h. die gängigen
Maßnahmen, die zu Wachstum führen sollen, in Wahrheit Arbeitsplätze
für Menschen vernichten, ja dass das Streben nach quantitativem
Wachstum die eigentliche Ursache für die Massenarbeitslosigkeit
und die sich ausweitende Krise der Industriegesellschaft ist.
Nun stößt ein solcher Vorwurf bei studierten Ökonomen,
erst recht bei den regelmäßig publizierenden Fachleuten
aus den anerkannten Instituten, den sogenannten Wirtschaftsweisen,
natürlich auf wenig Zustimmung.
Eigentlich sind diese Wissenschaftler dafür zuständig, gerade
in Zeiten wie diesen, wo unsere Industriegesellschaft im beschleunigten
Niedergang begriffen ist, wo die Arbeitslosigkeit sich ausweitet und
die Umweltzerstörungen zunehmen, eine realistische ökonomische
Analyse vorzulegen, wenn nicht gar Lösungsvorschläge auf
den Tisch zu bringen. Doch was aus deren Häusern zu uns dringt,
sind lediglich wüste Orakeleien über die voraussichtliche
Höhe der nächsten Wachstumszahlen und sich widersprechende
Empfehlungen aus der ökonomischen Mottenkiste.
Gegenwärtig können wir wieder einmal beobachten, dass die
beunruhigende Lage lediglich einen neuen Streit zwischen den beiden
Hauptströmungen der Wirtschaftswissenschaft, der angebotsorientierten
und der nachfrageorientierten Wirtschaftstheorie vom Zaune bricht.
Die letztere dieser beiden Schwestern, Keynesianismus genannt, ist
in den letzten 20 Jahren etwas aus der Mode gekommen. Ihre Konkurrentin,
die liberalistische, auf Adam Smith beruhende "klassische"
oder "neoklassische" Theorie, Monetarismus genannt, diente
in den letzten Jahrzehnten den Zeichen der Zeit, sprich den Automatismen
der Globalisierung und den Gewinnen der Konzerne besser und wurde
zum bevorzugten Glaubensbekenntnis der Wirtschaftsexperten.
In letzter Zeit aber, in welcher sich die liberalistische, angebotsorientierte
Wirtschaftspolitik zunehmend als rätselhaft stumpf gegenüber
den Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt erweist, gewinnt die Forderung
nach nachfrageorientierter Politik, welche die Kaufkraft der Konsumenten
durch aktives Eingreifen des Staates in die Wirtschaft stärken
soll, wieder mehr an Bedeutung.
Als "Neokeynesianismus", der im Unterschied zum alten Keynes
gewisse langfristige "neoklassische" Vorstellungen bejaht
und integriert, kehrt die alte Theorie heute wieder. Nicht zuletzt
der "Wirtschaftsweise" Bofinger, wie auch Gewerkschafter
und Vertreter der Arbeitnehmerflügel fast aller Parteien, - die
FDP hält von Keynesianismus überhaupt nichts, während
Oskar Lafontaine von der Linkspartei ihn als Universallösung
vergöttert -, bringen den Gedanken, dass die Wirtschaftspolitik
des Staates die Kaufkraft der Konsumenten stärken muss, wieder
stärker auf die Tagesordnung.
Bei allen Unterschieden ist das Wirtschaftswachstum, bzw. dessen angebliche
Bedeutung für den so genannten Wohlstand und die Arbeitsplätze,
in beiden Glaubensrichtungen, ob alt oder modern interpretiert, der
wichtigste Faktor, das erklärte Ziel, - ob nun durch Lenken durch
den Staat herbeigeführt (Keynes) oder durch dessen bewusstes
Heraushalten aus den Wirtschaftsabläufen (Smith). Hauptsächlich
deshalb wird sich auch durch die Betrachtung dieser Theorien keine
Lösung für die neuartige Krisensituation des beginnenden
21ten Jahrhunderts finden lassen.
Dies stört die Protagonisten des Sachverständigenrats und
ihr Umfeld aber wenig. Sie werden bezahlt, was immer sie auch veröffentlichen.
Die deutschen Unternehmen freuen sich meist über die Expertisen,
da die Empfehlung an die Politik, die Wirtschaft finanziell weiter
zu bevorteilen, garantiert immer enthalten ist.
Die Politiker schließlich treten regelmäßig jedes
Jahr pflichtgemäß mit den tausendseitigen Gutachten vor
die Presse, um die unlesbaren Machwerke später in der nächsten
Schublade verschwinden zu lassen und von ihren Referenten eine Zusammenfassung
der Zusammenfassung anzufordern. Ob diese dann gelesen wird, bleibt
fraglich. Die Fachdiagnosen lassen sich ohnehin seit Jahrzehnten auf
die alte Beschwörung -"Wachstum schafft Arbeit"- reduzieren.
Dies genügt bis auf den heutigen Tag, um ökonomische Kompetenz
und päpstliche Unfehlbarkeit auszustrahlen.
Immer noch beruft man sich gerne auf das Okunsche Gesetz. Diese Arbeit
von Arthur Okun, durch empirische Beobachtungen 1962 hergeleitet,
beschreibt angeblich den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum
und Arbeitslosenquote in einer Volkswirtschaft. Obwohl von der Realität
längst widerlegt, wird die Regel, dass ab 2,5 Prozent Wachstum
die Arbeitslosigkeit sinkt, -eigentlich ein Umkehrschluss von Okuns
Beobachtungen -, immer wieder gerne geäußert. Oder Okun
wird benutzt, um den Anteil der strukturellen Arbeitslosigkeit gegenüber
der konjunkturellen Arbeitslosigkeit kleinzurechnen.
Dem Ökonomen Okun sind bei seinen Beobachtungen allerdings zwei
eklatante Fehler unterlaufen. Einmal hat er den Produktionsfaktor
Schadkostenexternalisierung als Hauptantrieb für quantitatives
Wachstum vergessen, also den langfristigen Unterschied, ob technische
oder menschliche Arbeitsenergie eingesetzt wird, und er übersah,
dass in Zeiten gewisser Mangelsituationen bei gleichzeitigem Willen
der betreffenden Bevölkerung, diesen Mangel zu beseitigen, Wachstum
und Arbeit logischerweise vermehrt entstehen, dass das eine aber keineswegs
das andere verursachen muss. Wachstum und Arbeit können vielmehr
beide die Folgeerscheinungen einer einzigen übergeordneten Ursache
sein, müssen es aber nicht. In den heutigen Zeiten künstlich
erzeugter Bedürfnisse, also suggerierter Mangelsituationen, etwa
durch Werbung, tritt Wachstum eher zusammen mit technischem Fortschritt,
also dem gesteigerten Einsatz technischer Arbeitsenergie auf, statt
mit Arbeit für Menschen. Arbeitslosigkeit ergibt sich zunehmend
aus den ökonomischen Strukturen, statt aus der vermeintlich lahmen
Konjunktur.
Doch damit noch nicht genug des wirtschaftswissenschaftlichen Durcheinanders:
Das gegenwärtige Wirtschaftssystem, zumindest in den westlichen
Industriestaaten, wird als Marktwirtschaft bezeichnet. In einer Marktwirtschaft
werden Güter auf einem Markt getauscht. Dabei regelt die Nachfrage
nach Waren das Angebot und umgekehrt.
Die Marktwirtschaft passt als Ökonomie am besten zu einem freiheitlichen
Gesellschaftssystem wie unserer westlichen Demokratie. Es regelt eigendynamisch
die stete Versorgung mit benötigten Gütern und verspricht
gleichzeitig den unternehmenden Versorgern stetigen Gewinn. Um zu
verhindern, dass schwache Gesellschaftsmitglieder dabei ins Elend
abrutschen, wie es in der klassischen Marktwirtschaft geschah, wurden
der deutschen Marktwirtschaft soziale Sicherungskomponenten angefügt,
bzw. ist der Staat berechtigt, in den Wirtschaftskreislauf, das Eigentum
an Produktionsmitteln oder wichtige Entscheidungen einzugreifen.
Gleichzeitig wird unser Wirtschaftssystem auch als ein kapitalistisches
System bezeichnet, die deutsche soziale Marktwirtschaft als "Rheinischer
Kapitalismus". Ist denn nun Marktwirtschaft und Kapitalismus
dasselbe?
Der Kapitalismus ist nach gängigem Verständnis eine Form
von Marktwirtschaft. Der vielzitierte Ökonom Schumpeter unterschied
schon zwei Erscheinungsformen, die Kreislauf-Marktwirtschaft und die
kapitalistische Variante.
Kapitalismus ist geschichtlich betrachtet allerdings keine Form, die
ausdrücklich beschlossen und eingeführt wird. Kapitalismus
ergibt sich eher aus der Abwesenheit einer anderen Wirtschaftsordnung,
startet immer mit mehr oder weniger anfänglich verordneten Regulierungen,
wie beispielsweise die soziale Marktwirtschaft im Jahre 1947 in der
jungen Bundesrepublik, unterläuft diese für ihn lästigen
Bevormundungen aber irgendwann systemimmanent, um die Herrschaft über
die Regulierer zu übernehmen und diesen dann die weiteren Schritte
zu diktieren. Er profitiert dabei von der mangelnden Übersicht
der Politiker und der Eitelkeit der Ökonomiestars, bzw. von dem
unendlich langen Bremsweg einer als falsch erkannten wirtschaftswissenschaftlichen
Modeerscheinung.
Kapitalismus ist eher eine, sich unter den herrschenden und noch nie
in Frage gestellten ökonomischen Spielregeln früher oder
später einstellende, Degeneration der Marktwirtschaft, die nicht
verhindert, allenfalls in ihrer Entwicklung verlangsamt werden kann.
So sicher, wie ein in die Luft geworfener Stein zu Boden fällt,
wird es rücksichtlosen, nur auf Profitmaximierung orientierten
Kräften innerhalb jeder herkömmlichen Marktwirtschaft früher
oder später gelingen, jede noch so durchdachte soziale Komponente
und Schutzvorrichtung für die Schwachen der Gesellschaft, jedes
effektive staatliche Eingreifsrecht aufzuweichen. Ein Land mit aufgeweckten
und neutralen Politikern wird dies wohl sehr viel länger hinauszögern
können als ein Staat mit liberalistisch Einäugigen und Industriemarionetten.
Irgendwann aber ist nahezu sämtliches Kapital in einigen wenigen
Taschen konzentriert. Die Versorgung der Masse wird immer schwieriger,
weil die Marktwirtschaft schleichend von einer Art diktatorischen
Ökonomie abgelöst wurde, einer Ökonomie, in welcher
der Nachfragefaktor fast bedeutungslos geworden ist und das Angebot
nur noch gewissen Gewinnerwartungen folgt.
Die Feststellung dabei, dass der Kapitalismus sich am Ende selbst
den Boden entzieht und zusammenbricht, dass die agierenden Kräfte
innerhalb des Kapitalismus sich langfristig den eigenen Ast absägen,
ist dabei nur ein schwacher Trost. - "In einer zusammenbrechenden
Hochkultur bedeutet Reichsein lediglich, dass man als letzter verhungert."(Anthony
Doerr)
Doch was genau macht den Kapitalismus so dominant? Welche Eigenart
ist verantwortlich dafür, dass das Kapital wie ein schwarzes
Loch im Weltraum alles bekommt, es eine Zeit lang um sich kreisen
lässt, um es schließlich zu verschlucken? Ist ein Instrumentarium
denkbar, das den Kapitalismus dauerhaft zu zähmen in der Lage
wäre? Wo genau unterscheiden sich Kapitalismus und Marktwirtschaft?
Im ersten Teil wurde gezeigt, dass die Wirtschaft, indem sie produziert
und Dienstleistungen verrichtet, eine gewaltige Menge an ökologischen
und sozialen Schäden anrichtet und diese auf die Allgemeinheit
und auf nachfolgende Generationen abwälzt.
Diese Schadkosten müssten eigentlich als Produktionskosten angesehen
werden, die wie alle üblichen Produktionskosten in den Preis
des Produkts mit einzufließen haben. Doch unter den Regeln des
herrschenden Wirtschaftssystems ist es ganz legal möglich, diese
Kosten zu externalisieren, d.h. sie ganz einfach auf Dritte zu schieben.
Passt diese zweifelhafte Praxis der Ausnutzung eines illegitimen
Produktionsfaktors zum Prinzip der Marktwirtschaft?
Müssten in dieser wohl elegantesten aller Ökonomien per
Definition nicht alle erdenklichen Kosten, die zur Herstellung eines
Artikels anfallen, in den Preis dieses Artikels einfließen?
Wie sonst soll die Wirtschaft die jeweils volkswirtschaftlich beste
und günstigste Variante hervorbringen, wenn volkswirtschaftlich
Schädliches nicht mit in den Wettbewerb einfließt? Am Ende
wird auf diese Weise gesellschaftlich Unverträgliches künstlich
am Leben gehalten und gesellschaftlich Nützliches behindert.
Im Prinzip kann die Externalisierung von ökologischen und sozialen
Kosten innerhalb unseres westlichen Systems als die wohl gewaltigste
Wirtschaftssubventionierung aller Zeiten angesehen werden, die zudem
nicht vom Staat bezahlt wird, sondern von einer ungefragten Allgemeinheit
und vor allem von den nachfolgenden Generationen.
Subventionierung ist aber in Übereinstimmung aller Ökonomen
kein marktwirtschaftliches Instrument.
Im Gegenteil: Es kann für die eigendynamischen Antriebskräfte
der Marktwirtschaft gefährlich werden, wenn große Segmente
nicht aus dem Wechselspiel zwischen Angebot und Nachfrage heraus entstehen.
Angesichts der ungeheuren Dimension der Subventionierungen durch die
Externalisierung von Produktionskosten heutzutage, muss man eigentlich
damit aufhören diese unsere real existierende Ökonomie noch
als Marktwirtschaft zu bezeichnen.
Wir sollten eine Neudefinition wagen.
Dieses real existierende Wirtschaftssystem ist bei genauerem Hinsehen
immer stärker von Entscheidungen aus großen Konzernzentralen
geprägt. Multinational tätig und deshalb nicht mehr von
einer einzelnen Staatsgewalt abhängig, planen diese Unternehmen
ihre Profite und die zur Erreichung ihrer Ziele nötigen Schritte.
Es heißt nicht mehr: Was ist in den Grenzen der Staatsgewalten
möglich? Sondern: Was wollen wir und wie bekommen wir dies durch?
Es werden Gewinne geplant, wonach die Produktion sich zu richten hat.
Es werden Verluste geplant und Konkurrenten geschluckt, gefressen
oder geschlachtet. Es werden steigende Aktien geplant und dafür
Beschäftigte entlassen. Es wird unablässig das eigene Wachstum
geplant, der bessere Rang in der globalen Hitliste der Größten
und Einflussreichsten. Man braucht billige Energiepreise und beeinflusst
dafür die Politik.
Man braucht gierige Konsumenten und entwickelt raffiniertere Werbung.
Man liefert mehr Brot -, pardon, Kuchen und Spiele für die Massen
und verkauft dies als Wohlstand. Man dringt immer tiefer in jedermanns
Alltag und Unterbewusstsein und wird schließlich zum Gestalter
der Zukunft.
Hauptmerkmal dieser Ökonomie wird bald das restriktive Entscheiden
von oben herab sein, das Planen und Sichern der eigenen Herrschaft,
wobei die alles verordnende und hierarchisch strukturierte Planungsbürokratie
nicht mehr im Staatsapparat sitzt, wie in den Schaltzentralen des
aufgelösten Ostblocks, sondern jetzt weltweit verteilt und eher
ideologisch indirekt vernetzt in den Zentralen der weltweiten Konzerne.
Deshalb sei sie fortan die Kapitalistische Planwirtschaft genannt.
Die Marktwirtschaft, so ist die bittere Wahrheit, existiert nicht,
nirgendwo auf der Welt. Wäre unsere Ökonomie eine Marktwirtschaft
und zwar eine im kategorischen Sinne, wo es ausgeschlossen ist, Kosten
für die Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen auf
Dritte zu externalisieren, dann hätten wir nicht die gegenwärtige
Krise.
Wenn, wie bis hierher festgestellt, auf Kosten und zum Schaden Dritter
gewirtschaftet wird, ergibt sich daraus natürlich auch eine umfassende
juristische Frage: Ist die Externalisierung von ökologischen
und sozialen Kosten überhaupt rechtlich zulässig?
Hierauf wird man in den deutschen Gesetzesbüchern keine direkte
Antwort finden, kommt dieser aber näher, wenn man sich bewusst
macht, was durch Schadensexternalisierung konkret an den Lebensbedingungen
Dritter angerichtet wird. Es drängt sich die Frage auf: Ist der
Verursacher zur Beeinträchtigung Anderer berechtigt, noch dazu,
wenn er diese gar nicht fragt? Was sagt unsere Verfassung dazu?
Hier begeben wir uns auf ein sehr schwieriges rechtspolitisches Feld,
weil die Schädigung Dritter meist nicht direkt, sondern auf subtilen
Wegen geschieht. Oftmals sind die Beeinträchtigten nicht einmal
geboren, ein absolutes Novum in der Rechtsgeschichte.
Fest steht jedenfalls, dass die gängige Praxis der Schadkostenexternalisierung
Stück für Stück die natürlichen Lebensgrundlagen
schädigt, wertlos macht oder vernichtet.
Intakte Lebensgrundlagen sind aber die oberste Voraussetzung für
den Erhalt der körperlichen Unversehrtheit, die Art 2, Abs. 2
des Grundgesetzes jedem Menschen garantiert.
Dort heißt es auch: "In diese Rechte darf nur auf Grund
eines Gesetzes eingegriffen werden." Nun gibt es aber nirgendwo
ein Gesetz, auch keine Überlegung dazu, dass zu Gunsten der Wirtschaft
und zur Erlangung von Wachstum, die verfassungsmäßige Garantie
der körperlichen Unversehrtheit außer Kraft gesetzt werden
darf.
Art.2 Abs. 1 GG lautet : "Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung
seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt..."
Die Nutzung der ungeschädigten Lebensgrundlagen, wie das Atmen
sauberer Luft, Trinken unbelasteten Wassers und der Genuss von Nahrungsmitteln
von giftfreien Böden, ist schon aus den biologischen Erfordernissen
unserer Spezies heraus eine unabänderliche Notwendigkeit, ein
Recht, das nicht verletzt werden darf. Was ist aber, wenn der individuelle
Konsum eines jeden von uns, - auch eine Art der Persönlichkeitsentfaltung
-, untrennbar mit der Verursachung ökologischer Schäden
verbunden ist? Muss dann nicht der Umkehrschluss von Art.2, Abs.1
GG gelten, der diese Art von Entfaltung verbietet?
Oder Art 14 Abs.1 GG lautet: "Das Eigentum und das Erbrecht werden
gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze
bestimmt."
Hierzu sei aus einer Studie des Umwelt- und Prognoseinstituts Heidelberg
aus dem Jahr 1992 zitiert: "Die Belastung der Umwelt ist in unserer
heutigen Art des Wirtschaftens für Verursacher weitgehend kostenfrei.
Unser Wirtschaftssystem gründet jedoch auf dem Prinzip, dass
etwas, das man benutzen will und das einem nicht gehört mit einem
Preis zu bezahlen ist. Eine Benutzung ohne Bezahlung ist eine Ausnahme.
Sie kommt nur vor in Form eines Geschenks oder von Diebstahl. Solange
die natürlichen Ressourcen unerschöpflich schienen, und
ihre Nutzung keine externen Kosten für andere verursachte, war
es möglich, natürliche Ressourcen einfach als Geschenk zu
betrachten. In der heutigen Situation, in der die Belastung der Umwelt
jedoch andere und zukünftige Nutzungen ausschließt und
zunehmende externe Kosten verursacht, entspricht diese unentgeltliche
Inanspruchnahme nach den Prinzipien unseres Wirtschaftssystems genaugenommen
Diebstahl."
Auch entsprechend dem Art. 14, Abs.1 GG existiert kein Gesetz, welches
dieses Grundrecht generell einschränkt. Trotzdem hat sich der
Diebstahl in Form von Schadkostenexternalisierung in unserer Ökonomie
weitgehend als Normalität durchgesetzt. Er ist sogar, wie oben
schon erwähnt, stillschweigend zum größten Produktionsfaktor
geworden, oberste Voraussetzung für jeden Profit und eigentlicher
Finanzier unseres gesamten quantitativen Wohlstands.
Können ab hier noch Zweifel darüber bestehen, dass die
westliche Ökonomie im Grunde verfassungswidrig ist?
Haben wir nicht jetzt Instrumente in der Hand, um gegen die kapitalistische
Planwirtschaft, gegen Arbeitslosigkeit und Umweltzerstörung zu
klagen?
Leider geben Juristen einer entsprechenden Verfassungsbeschwerde gegenwärtig
kaum eine Chance. Die erste Klagevoraussetzung, nämlich die Betroffenheit
in eigenen Rechten, ist kaum plausibel zu machen, besonders wenn man
für den Schutz der Lebensgrundlagen für die nachfolgenden
Generationen, also noch gar nicht geborener Menschen kämpfen
wollte.
Die einzige Chance besteht darin, das hier beschriebene Problem öffentlich
zu diskutieren, um so auch die Verfassungsrichter schon im Vorfeld
einer möglichen Klage mit dem Thema vertraut zu machen. So kann
man vielleicht den Boden bereiten, dass das höchste deutsche
Gericht die Beschwerde annimmt und dass die Richter in den roten Roben
erkennen, wie wichtig ein Verbot jeglicher Schadkostenexternalisierung
in der Wirtschaft für das Überleben unserer Gesellschaft
ist.
Zu allem Überfluss ist die Forderung nach Wirtschaftswachstum,
wie oben gezeigt also die faktische Forderung nach Verfassungsbruch
durch Inkaufnahme der Zerstörung der Lebensgrundlagen, auch im
Gesetz verankert.
Das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz (StWG) aus dem Jahre 1967,
aus Zeiten der Großen Koalition von 1966 bis 1969, verankert
Ziele und Instrumente einer nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik
in Deutschland. Aus heutiger Sicht erscheinen weite Teile des Gesetzes
etwas seltsam. Im § 1 legt es fest, zur Erhaltung eines gesamtwirtschaftlichen
Gleichgewichts müssten die zu treffenden finanz- und wirtschaftspolitischen
Maßnahmen gleichzeitig zu vier Entwicklungen beitragen: zur
Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand,
zu außenwirtschaftlichem Gleichgewicht und zu stetigem und angemessenem
Wirtschaftswachstum. Diese vier Forderungen werden auch als magisches
Viereck bezeichnet, weil sie in der Praxis zusammen eigentlich gar
nicht zu realisieren sind. Treffender wäre die Bezeichnung "Viereck
ökonomischen Wunschdenkens" gewesen.
Im § 2 wird die Regierung verpflichtet, in jedem Jahr einen Wirtschaftsbericht
vorzulegen, in dem neben der Darlegung der geplanten Politik und der
Ziele auch ein Gutachten des Sachverständigenrats enthalten sein
muss. An der oben erwähnten kostspieligen wie fragwürdigen
Prozedur kommt man also auch per Gesetzesvorschrift gar nicht vorbei.
Eigentlich könnte das ganze StWG gestrichen werden, wenn nicht
die Regierung es noch bräuchte, um über die ach so rätselhaften
"Störungen des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts"
plaudern zu können, welche geeignet sind, immer neue, abenteuerliche
Verschuldungsraten verfassungskonform zu bekommen.
Ach, und natürlich brauchen es die Wirtschaftsinstitute um die
eigene Existenzberechtigung zu sichern. Hier wird dann auch klar,
wieso diese Bremsklötze der Vernunft einen Teufel tun werden,
andere ökonomische Analysen zu publizieren als solche, die die
Berechtigung des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes suggerieren.
Das beste, was zur Entstehung einer realitätstauglichen Wirtschaftswissenschaft
geschehen könnte, ist, dass die Bevölkerung den übertriebenen
Respekt vor den gerade angesagten Ökonomen verliert. Wer sich
unvoreingenommen mit Wirtschaftstheorie beschäftigt, gewinnt
bald den Eindruck, dass vieles dort wilde Spekulation und Unterschlagung
ist und, ganz und gar nicht auf die Wirklichkeit übertragbar.
Gerade bezüglich der großen Zusammenhänge sind die
Empfehlungen der Fachleute oft so diffus, wie etwa die Anweisungen
eines Medicusses der Barockzeit ("Probieren wir doch mal einen
Aderlass!").
Auf jeden Fall sind die sogenannten "Weisen" der Ökonomie
nicht in der Lage, unsere Lebensgrundlagen zu schützen. Sie liefern
eher die Theorie und das Werkzeug zu deren Zerstörung.
TEIL 3 - Skizzen zur kategorischen Marktwirtschaft
In den ersten beiden Teilen dieses Aufsatzes wurden einige neuen Thesen
aufgestellt:
a) Wirtschaftswachstum nach gegenwärtigem Verständnis führt
nicht zu Arbeitsplätzen. Eher trägt sein durchweg quantitativer
Charakter zur Vernichtung von Arbeitsplätzen und zur Zerstörung
unserer Lebensgrundlagen und der Lebensqualität bei.
b) Hauptprofitquelle aller wirtschaftlichen Unternehmungen ist mehr
oder weniger die Externalisierung, also die Abwälzung von produktionsbedingten
Schäden auf die gegenwärtige Allgemeinheit und die nachfolgenden
Generationen.
c) Das herrschende Wirtschaftssystem hat mit dem Modell einer Marktwirtschaft
kaum mehr als die Fassade gemein, weil der wichtigste Produktionsfaktor
inzwischen die stillschweigende Beraubung Dritter ist.
d) Eine Ökonomie, die sich in erster Linie durch Diebstahl erhält,
ist verfassungswidrig.
Welcher Ausweg aus dem beschriebenen Dilemma kann denn überhaupt
gefunden werden? Ist es nicht aussichtslos, die Theorie einer nachhaltigen
Wirtschaft in die Realität umsetzen zu wollen?
Ohne Frage muss die herrschende Ökonomie der Kapitalistischen
Planwirtschaft so bald als möglich durch ein gesellschaftsverträgliches
Wirtschaftssystem ersetzt werden. Dieses gesuchte System kann eigentlich
nur eine an objektiven Erkenntnissen orientierte Form von Marktwirtschaft
sein, in welcher jene Dynamik zur schleichenden Umkehrung des obersten
Grundsatzes, dass die Ökonomie immer für die Menschen da
sein soll, entfernt wurde. Wir brauchen nicht weniger als ein wirtschaftliches
Grundregelement, unter dem jeglicher Anreiz zur Externalisierung irgendwelcher
Produktionskosten, bzw. produktionsbedingter Schäden, dauerhaft
ausgeschlossen ist.
Da erfahrungsgemäß nicht zu erwarten ist, auch womöglich
kommende, derzeit nicht abschätzbare Probleme mittels einer anfänglichen
Regelung zu verhindern, muss eine dauerhafte Kontrolle auch in der
Zukunft gewährleistet sein, muss ein Instrumentarium geschaffen
werden, welches auf eventuell auftretende Abkehrerscheinungen entsprechend
reagieren kann.
Mit anderen Worten: Zur Wahrung von Gerechtigkeit unter den Individuen
innerhalb der Marktwirtschaft und zur Bewahrung einer lebenswerten
Zukunft, aber auch zur Erhaltung dieser Ökonomie selbst, ist
die Zugrundelegung einer weitgehenden Ethik des wirtschaftlichen Handelns
eine unabdingbare Notwendigkeit. Anderenfalls ist die Degeneration
in den Kapitalismus nur eine Frage der Zeit.
Wenn wir nun einen eindeutigen und unverwechselbaren Namen für
eine nachhaltige Ökonomie suchen, in welchem auch der ethische
Anspruch erkennbar sein soll, werden wir bei dem Philosophen Immanuel
Kant fündig.
Die Quintessenz seiner Analysen der unter allen Menschen herrschenden
Moral, ist der Kategorische Imperativ.
Er lautet: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich
wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde!"
Oder: "Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung zum allgemeinen
Naturgesetze werden sollte!"
Oder: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich
als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne!"
Hier steht genau das, was wir in einer demokratischen Ökonomie
verlangen müssen, um eine schleichende Degeneration zu verhindern.
Niemand wird die Notwendigkeit, eine jede Form von Kostenexternalisierung
in der Wirtschaft zu unterbinden, abstreiten können. Kein Unternehmer
kann, auch entsprechend dem Geist unserer Verfassung, jemals das Recht
bekommen, sich auf Kosten oder zum Schaden anderer zu bereichern.
Niemand würde wirklich wollen, dass die Maxime der Ausbeutung
oder der Zerstörung der Lebensgrundlagen Dritter allgemeines
Naturgesetz werden sollte, nicht einmal die Funktionäre in der
Wirtschaft, die sich gegenwärtig auf Kosten der Allgemeinheit
und der nachfolgenden Generationen bereichern.
Deshalb sei hiermit vorgeschlagen, das gesuchte Wirtschaftssystem,
welches keinerlei Kostenexternalisierungen bei der Produktion zulässt,
Kategorische Marktwirtschaft zu nennen.
Wie können wir aber aus der jetzigen Situation in eine Kategorische
Marktwirtschaft gelangen?
Zur Beantwortung dieser Frage wollen wir uns zunächst bei den
beiden großen klassischen Lagern der Ökonomie bedienen.
Wenn deren Vorstellungen aus heutiger Sicht mit der äußerst
subtilen Wirklichkeit auch nur noch selten harmonieren, hat jede der
beiden Theorien doch mindestens eine wichtige Aussage gemacht.
In der angebotsorientierten Richtung (Smith) wird als oberstes Merkmal
immer wieder die Forderung aufgestellt, dass der Staat sich aus dem
Funktionieren der Wirtschaft heraushalten soll. Der marktwirtschaftliche
Mechanismus würde, neben einer optimalen Versorgung, auch sozial
wirken, weil eigennütziges Handeln der Unternehmer auch zur Steigerung
des Allgemeinwohls führen würde (Adam Smith nannte diese
Eigenart die "unsichtbare Hand").
Vergessen wurde hierbei, wie wir schon festgestellt haben, der Produktionsfaktor
Externalisierung, der Umstand, dass die Unternehmer sich immer in
erster Linie diejenigen Produktionsfaktoren zu Nutze machen, die am
günstigsten zu haben sind. Das ist innerhalb der herrschenden
Regeln als völlig normal anzusehen, denn wer dies nicht tut,
hat einen Wettbewerbsnachteil. Deshalb hat der Grad der Externalisierung
von sozialen und ökologischen Kosten, als Produktionsfaktor der
einzig weitgehend kostenlose, bis heute beständig zugenommen
und sein Ende noch lange nicht erreicht.
Adam Smiths "unsichtbare Hand", im Lager der Liberalisten
bei den einen pures und naives Wunschdenken, bei den anderen willkommene
Verschleierung ihrer Rücksichtslosigkeit, existierte niemals
in der Geschichte. Hat ihr Erfinder durch banale Schludrigkeit bei
der Herleitung seine im Kern gute Idee zunichte gemacht?
Auch Smith wusste, wie bereits einer seiner Vorgänger J.H.G.
von Justi, dass sich der gerechte Preis nur unter störungsfreien
Bedingungen, also fern von monopolistischen und anderen wettbewerbsverzerrenden
Einflüssen bilden könne.
Vielleicht lässt sich zu Smiths Entschuldigung anführen,
dass während seiner Zeit ein Bewusstsein über die entscheidende
Bedeutung, bzw. die parallel zum technischen Fortschritt zunehmende
Bedeutung der Externalisierung noch kaum entwickelt war und dass er
das aufkeimende und entscheidende wettbewerbsverzerrende Potential
nicht abschätzen konnte.
Auf jeden Fall wurden seine zarten Bedenken zur Allgemeingültigkeit
der nationalökonomischen Lehre nach seinem Tod zweckdienlich
unterschlagen. Jedoch müsste einem der vielen Anhänger und
Erneuerer innerhalb der 230 Jahre seit Erscheinung des Hauptwerks
"An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations"
aufgefallen sein, dass etwas Bedeutendes fehlt.
Spätestens nach der ökonomischen Kritik des britischen Volkswirtschaftlers
Arthur Cecil Pigou im Jahr 1920, dem die externen Effekte wirtschaftlichen
Handelns als äußerst entscheidend für das Entstehen
und Nichtentstehen von Wohlstand bewusst wurden, und der die Einführung
entsprechender Umweltabgaben, Pigou-Steuer genannt, vorschlug, sollte
es keine Entschuldigung mehr für das scheuklappenhafte Denken
der Wirtschaftsliberalisten geben.
Trotzdem konnte sich der radikale Wirtschaftsliberalismus, mit Vertretern
wie Milton Friedman oder Friedrich August von Hayek sogar mit Nobelpreisen
belohnt, bis heute in seine bizarrste und menschenverachtendste Form
weiterentwickeln.
Übrig bleibt von dieser liberalistischen Vorstellung aber der,
wertfrei betrachtet, durchaus logische Zusammenhang, dass dieser eigendynamische
Mechanismus innerhalb einer Marktwirtschaft das wohl effektivste und
zielgenaueste Instrument bleibt, um die Wirtschaftsentwicklung in
eine gewünschte Richtung zu führen.
Auch im nachfrageorientierten Lager (Keynes) der klassischen Ökonomie
wurde die Bedeutung der Externalisierung ganz einfach vergessen. Ferner
wurde die Gefahr, dass der Staat sich durch steuer- und schuldenfinanzierte
Lenkungsprogramme, Konjunktur- und Beschäftigungsprogramme, in
die Handlungsunfähigkeit verliert ebenso verkannt, wie dass die
Entwickler solcher Programme parteiisch sind und meist falsch liegen
müssen. Das Verhalten der Konsumenten und Arbeitnehmer, beispielsweise
irrationales Handeln nach Werbungseinfluss, hat Keynes ebenso falsch
eingeschätzt, wie die Wirkung und Entwicklung internationalen
Handels, also das längerfristig unabsehbare Zusammenspiel von
mehr oder weniger miteinander verflochtenen Volkswirtschaften, etwa
nachdem der Transportfaktor zum bedeutungslosesten werden konnte.
Von Keynes sollte man, ebenfalls losgelöst betrachtet, aber zwei
Einsichten belassen, erstens, dass unter bestimmten Voraussetzungen
über die Förderung der Nachfrage wirtschaftlicher Aufschwung
erreicht werden könne, zweitens, dass der Staat sich eine Eingreifmöglichkeit
bewahren muss.
Nehmen wir von beiden Modellen jeweils das logisch Nachvollziehbare
und verknüpfen es miteinander: Der marktwirtschaftliche Mechanismus
führt am sichersten zum Ziel, und, der Staat oder die Gesellschaft
gibt vor, wie das Ziel aussieht und welche Grenzen einzuhalten sind.
Den Weg wird der Mechanismus dann selbst finden, auch weil die Politik
ihn gar nicht kennt.
Für den Weg in die Kategorische Marktwirtschaft bedeutet dies:
Ziel ist die Abschaffung jeglicher Kostenabwälzung auf Dritte.
Das entscheidende Instrument, welches der Mechanismus mit auf den
Weg bekommt, gewissermaßen die Grenzsetzung, ist die Internalisierung,
also die individuelle Einberechnung aller bisher externalisierten
Kosten in den Preis eines jeden handelbaren Produkts.
Dinge mit einem bisher relativ hohen Anteil dieser Kosten würden
sich stärker, die mit einem sehr geringen Anteil aber kaum verteuern.
Die Folge wäre eine Erhöhung der Nachfrage nach Produkten,
die unter geringer Kostenexternalisierung hergestellt wurden, im Gegensatz
zu einer Vermeidungshaltung gegenüber Produkten, die hohe ökologische
und soziale Kosten aufwerfen.
Der Anreiz für die Wirtschaft, neue ökologisch und sozial
verträglichere Alternativen auf den Markt zu bringen, würde
zunehmend jegliche Produktion beherrschen. Nicht nur wenige Menschen
kauften ökologisch unbedenkliche Nahrungsmittel, sondern alle,
ganz einfach, weil es die billigsten wären. Technische Alternativen
wären gefragt, weil die alte Technik zu hohe Betriebskosten aufwerfen
würde. Die Nachfrage der Konsumenten und der Produktionsenthusiasmus
könnte schon fast einer Nachkriegssituation ähneln, in welcher
es hieß, einen gigantischen Mangel zu beseitigen, nur dass hier
nicht wie durch Kriegsverheerung eine undifferenzierte und alles betreffende
Zerstörung vorangeht, sondern eine an menschlichen Bedürfnissen
orientierte und sorgsam gesteuerte Neugewichtung der Wertigkeiten.
Produkte, Dienstleistungen, Energie oder Material mit einem bisher
hohen Externalisierungsanteil würden unumkehrbar zu Ausnahmen
oder Auslaufmodellen.
Die letztendlich jedem Produkt individuell anhaftende Verteuerung
muss sich parallel zum Entstehungsweg eines Produkts und all seiner
Vorprodukte schrittweise aufbauen. Sie kann nicht dem Endprodukt einfach
verordnet werden.
Sobald beispielsweise Energieträger und Rohstoffe ins Land importiert
werden, ist die vollständige Internalisierungsabgabe für
alle bis zur Grenze bereits aufgeworfenen Belastungen wie Förderung,
Abbau, Erschließungsfolgen der Rohstoffquellen, Transportkosten,
Transportversicherungen, usw., sowie die potentiellen Belastungen
ab der Grenze bis zum Verbrennen, letzten Verwerten oder abschließenden
Beseitigen fällig. Hierdurch sind schon ein großer Teil
der möglichen Schadkosten in die Preise integriert. Jeder Zwischenproduzent,
jeder Transporteur und Händler ist zum Aufschlag dieser wie zum
Aufschlag seiner eigenen Mehrkosten auf das Produkt und zur Weitergabe
an seine Kunden gezwungen.
Bis zum Endprodukt verteuert jeder Energie- und Materialeinsatz während
der einzelnen Produktionsschritte den Artikel weiter. Dazu kommen
noch die Kosten für auf dem Produktionsweg neu auftauchende voraussichtliche
Schadenspotenziale, etwa die Giftigkeit chemischer Stoffe nach ihrer
Anwendung wie beispielsweise bei Agrarchemikalien, Pharmaerzeugnissen,
Farben und Lacken, Reinigungsmitteln, Nahrungszusätzen, etc.
Spätestens hier taucht natürlich die Frage auf, wie die
Bürger die sehr empfindlichen Verteuerungen der Waren denn bezahlen
sollen. Die Dimensionen sind erheblich.
Berücksichtigt man nur die ökologischen Kosten des Wirtschaftens
in unserer Volkswirtschaft, die derzeit schon zu einem hohen Anteil
beziffert werden können, käme man, wie oben bereits gesagt,
auf eine geschätzte Verteuerung der Waren um mindestens 400 Milliarden
Euro pro Jahr, für jeden der fast 80 Millionen Menschen in Deutschland
rechnerisch also auf einen Betrag von rund 400 Euro monatlich.
Demgegenüber stehen Einnahmen des Staates in der gleichen Höhe.
Es wäre nun aus mehreren Gründen unsinnig, dieses Geld,
das ja die entstandenen Schäden repräsentiert, zur Begleichung
der Schäden zu verwenden, oder es für nachfolgende Generationen
zu horten. Schadenbegleichung wäre kaum zu realisieren, und die
Volkswirtschaft ginge durch jährliche Herausnahme dieses Betrags
allmählich kaputt. Außerdem würde man den Schäden
immer nur hinterherlaufen, bleibt also in der Defensive.
Das entscheidende Instrument der Kategorischen Marktwirtschaft, bzw.
des Übergangsregelements dorthin, kann nur sein, das Geld konsequent
einzusetzen, um sozusagen den Grund für seine Erhebung abzuschaffen.
Es muss damit der marktwirtschaftliche Mechanismus geschmiert werden,
der die Gesellschaft aus der Kapitalistischen Planwirtschaft herausführt.
Der Staat muss das Geld also wieder an die Bevölkerung auszahlen,
aber, und dies ist wiederum ein entscheidender Punkt, nicht so wie
es erhoben wurde, sondern als garantiertes Mindesteinkommen für
alle Staatsbürger in gleicher Höhe, egal ob Spitzenverdiener
oder Arbeitsloser, Kleinkind oder Greis. Jeder bekommt pro Monat 400
Euro, für die er nichts weiter tun muss. Somit bliebe die einzigartige
Transaktion, finanziell betrachtet auch aufkommensneutral und somit
verfassungsgemäß.
Die Wirkungen wären einzigartig. Für den größten
Teil der Bevölkerung läge die Verteuerung ihrer Lebenshaltungskosten
durch die Internalisierungsaufschläge weit unter den 400 Euro
pro Monat. Sie würden durch die Maßnahme eindeutig profitieren.
Besonders die unteren Einkommensgruppen, Alte und Familien mit Kindern
würden finanziell erheblich gestärkt, ohne dass die Rente,
das Kindergeld oder die Sozialhilfe erhöht werden muss.
Für die oberen Einkommensgruppen käme die Internalisierung
dagegen sehr viel teurer, nicht nur durch den von ihnen gewohnten
Konsum teurerer Waren in schnelleren Zyklen, sondern auch durch das
Ansteigen der laufenden Kosten ihres Besitzes und der Organisation
ihres Alltags. Sie würden gezwungen sein, ihr Geld zur Senkung
dieser Kosten zu investieren.
Alle Unternehmen und Dienstleister kämen nicht mehr an der Notwendigkeit
vorbei, ihre gesamten Produktionsumstände entsprechend den neuen
Regeln umzustrukturieren. Neben dem Zwang zu Energieeinsparung und
Senkung des Material- und Rohstoffeinsatzes, Verzicht auf Naturflächenerschließung,
Reduzierung des Gesamttransportbedarfs, usw. wäre die Rückbesinnung
auf die umwelt- und sozialfreundliche menschliche Arbeitskraft, als
Ersatz der mit allerlei Schadkosten belasteten technischen Arbeitsenergie
der wichtigste Effekt der Kategorischen Marktwirtschaft.
Importeure von Waren aus dem Ausland hätten über die anhand
inländischer Vergleichsprodukte geschätzten produktionsbedingten
Internalisierungsaufschläge hinaus, zudem noch Verteuerungen
als Ausgleich sozialer Schäden im Absatzland (Streichung von
Arbeitsplätzen durch Produktionsauslagerung) und Verteuerungen
zum Ausgleich gesellschaftlicher Schäden im Produktionsland (
Boden- und Wasserverseuchung, unmenschliche Arbeitsbedingungen), sowie
Transportaufschläge zu tragen.
Transportkosten bekämen eine neue Dimension, da über die
Verteuerung der reinen Treibstoffkosten hinaus auch alle anderen,
mit dem Transport auch nur mittelbar zusammenhängenden Kosten
(Produktion der Transportmittel, Zwangsversicherung gegen alle möglichen
Transportunfälle, externe Kosten von Werften, Flughäfen,
Straßen, etc.), bezahlt werden müssten. Dies könnte
so manche ausgelagerte Produktionsstätte ins Land zurückholen
oder auch etlichen kurzlebigen Plunder vom Markt fegen (mehr dauerhafte
Arbeitsplätze und weniger Müll).
Durch Neugewichtung des Transportfaktors und anderer Komponenten würde
der Globalisierungsdruck auf die deutschen Betriebe erheblich und
dauerhaft abnehmen, ein Druck zur Anpassung, welcher nur noch mit
Erpressung durch eine sich verselbständigende diktatorische Ideologie
beschrieben werden kann. Vor allem von den kleinen und mittleren Betrieben
im Inland würde eine erhebliche Belastung genommen werden, welche
derzeit wie ein Damoklesschwert in Form von Unberechenbarkeiten und
Willkürlichkeiten der wachsenden Globalwirtschaft psychologisch
immer besorgniserregender droht.
Die vielbesagten "Leistungsträger der Gesellschaft",
die in der derzeitigen Kapitalistischen Planwirtschaft meist auch
die skrupellosesten Entscheidungspersonen sind, lediglich Topexperten
im Auffinden neuer Externalisierungsmöglichkeiten zur Gewinnsteigerung,
würden sich durch Neudefinition des Begriffs Leistung im gesamtgesellschaftlichen
Sinne, weitgehend verabschieden können. Unternehmer, die unter
den Bedingungen der Kategorischen Marktwirtschaft ihren Betrieb mit
Erfolg zu führen in der Lage wären, also zur Erbringung
qualitativer Leistung, statt zu schnöder Bilanzenschönung
fähig sind, stiegen zu den neuen und wahren Leistungsträgern
auf. Auf diese könnte man gar stolz sein, wie auf Spieler der
Nationalmannschaft, und ihnen ihren, mit wirklich gesellschaftsdienlicher
Leistung erworbenen, Reichtum auch leicht gönnen.
Parallel dazu, dass der in Gang gesetzte Mechanismus der Marktwirtschaft
neue sozial und ökologisch verträglichere Produkte auf den
Markt bringt, würde natürlich im Lauf der Zeit auch die
Summe der Abgaben für Externalisierungseffekte zurückgehen.
Dadurch vermindern sich die Internalisierungseinnahmen des Staates,
und damit die Höhe des auf die Bevölkerung verteilbaren
Geldbetrags. Das anfängliche garantierte Mindesteinkommen in
Höhe der besagten 400,- Euro sinkt entsprechend den Erfolgen
im Abbau der Schadkostenexternalisierung immer weiter ab. Es kann
auch nur ein Übergangsinstrument sein, welches in einer weitgehend
externalisierungsfreien Wirtschaft dann nicht mehr gebraucht wird.
Die Komponenten des sozialen Netzes würden wieder greifen und
hetzen nicht, wie gegenwärtig, den Problemen nur hinterher.
Die Arbeitslosigkeit wird schließlich kaum noch eine Rolle spielen,
die Regionen haben eine wirtschaftliche Erholung durchgemacht, das
Land ist in vielen Bereichen energieautark, die neue Dimension von
Recycelbarkeit aller Produkte, und Spitzentechnologie in der Verwertung
macht das Land von Rohstoffimporten zum großen Teil unabhängig.
Die von der Kategorischen Marktwirtschaft erzwungenen Neuentwicklungen
in Technik und Verfahren würden aus dem Ausland immer stärker
nachgefragt werden, weil bald alle Länder das fatale Ende ihres
bisherigen Wegs erkennen und umschwenken müssen.
Das garantierte Mindesteinkommen ist bald überflüssig, weil
sich Arbeit für Menschen genug und dauerhaft anbietet. Die Lebensumstände
werden sich quantitativ zwar auf einem niedrigeren Niveau als heute
einpendeln, was aber von der eindeutig gestiegenen Lebensqualität
und abnehmender Zukunftsangst mehr als wett gemacht wird.
Mit dem Eintritt in die neue menschenverträgliche Ökonomie
sind natürlich auch eine Reihe anderer Maßnahmen verbunden.
Durch die umfassenden Verteuerungen könnte die Grundversorgung
der Bevölkerung anfangs gefährdet werden, etwa Nahrungsmittelversorgung,
medizinische Versorgung, Bildungseinrichtungen, Altenpflege, Polizei,
Feuerwehr, etc. Dies lässt die Überlegung nahe liegen, von
dem an jede und jeden Deutschen auszuzahlenden Betrag einen Teil in
einen Subventionstopf zu übertragen, aus dem der Wandel der grundlegendsten
und lebensnotwendigen Versorgungsstrukturen im Lande beschleunigt
werden kann.
Begleitende Gesetze müssten möglichem Missbrauch vorbeugen,
beispielsweise, dass ein Mietwohnungsbesitzer mehr als einen festgelegten
Prozentsatz der Nebenkostenverteuerung, etwa durch höhere Energiepreise,
auf die Mieter abwälzt. So wäre er gezwungen, in eine nachhaltige
Senkung dieser Kosten zu investieren.
Das Sozialsystem müsste neu definiert werden, Konzentration auf
die Sicherung der Grundbedürfnisse und Erweiterung dieses Begriffs
um qualitative Aspekte (z.B. nicht nur Versorgung von, sondern auch
intensive Beschäftigung mit alten Menschen, Erfüllung auch
seelischer Bedürfnisse von Heranwachsenden, sofortige Intensivbildung
von Einwanderern, Dezentralisierung von Beratungsstellen, lückenlose
Hilfe zur Selbsthilfe, etc.), Entlastung des Gesundheitssystems durch
Internalisierung krank machender Effekte von Nahrung und Produkten
in die Preise und Zuteilung dieses Geldes in die Gesundheitsfinanzierung,
Relativierung der Gesundheitsindustrie und der Kassenbürokratie,
usw.
Über neue gesellschaftliche Instrumente muss nachgedacht werden,
die von der inneren Logik her zu einer ethischen Wirtschaftsform passen
wie beispielsweise Einführung einer zinsfreien Sekundär-
oder Parallelwährung mit Umlaufsicherung, Schaffung eines realitätsnahen
Rentensystems, bei dem nicht nur Gelder ein- und ausgezahlt werden
können, sondern auch Arbeitsleistung, oder Erweiterung des Wahlrechts
auf die ganze Allgemeinheit, so wie es die Verfassung fordert, also
auch auf Kinder und Jugendliche, d.h. eine Familie mit drei Kindern
hat nicht nur zwei, sondern fünf Stimmen in der Wahlkabine.
Außenpolitisch muss die internationale Staatengemeinschaft als
verknüpfter Organismus verstanden werden. Wie in einem einzelnen
Staat gibt es auch hier Starke und Schwache. Ein weltweites Sozialwerk
für Nationen als Ersatz von bisheriger Außen- und Entwicklungspolitik
und mehr Aufgabenübertragung an Nichtregierungsorganisationen
könnte die erste Voraussetzung für unser globales Miteinander,
die uneigennützige Kooperation, am effektivsten sichern.
Schließlich aber muss auch auf ein Problem beim Übergang
in die Kategorische Marktwirtschaft eingegangen werden und wie man
dieses umgehen könnte.
Die Politik wird das Notwendige nicht leisten können. Es wird
ihr nicht gefallen, dass ihr ein großer Entscheidungsbereich
genommen werden soll. Politiker lehnen meist ab, was nicht von ihnen,
von ihrer Partei oder von ihnen beauftragten Gutachtern stammt. Außerdem
sind sie extrem beeinflussbar, nicht unbedingt finanziell, also in
Form von Bestechung, so doch um so mehr unbewusst und ideologisch,
also zum Gefallen einer mächtigen Lobby. Viel Zeit geht für
unsere Gesellschaft verloren, weil offensichtliche Tatsachen und Entwicklungen
ignoriert werden. Ein Gegenlenken geschieht entweder zu spät
oder in ungeeigneter, gar kontraproduktiver Form.
Mit Abstand am fatalsten wirkt sich diese Eigenart spätpubertären
Trotzes gegenüber der Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen
aus. Diesen Bereich unseren Politikern zu überlassen ist mehr
als leichtsinnig.
Wir müssen deshalb über die Schaffung einer echten vierten
verfassungsmäßigen Gewalt nachdenken, die ausschließlich
über die Erhaltung der Lebensgrundlagen wacht und die, wie das
Bundesverfassungsgericht, der Politik gegenüber weisungsberechtigt
ist. Hier liegt nahe, an alle wissenschaftlichen Institute und die
Universitäten im Land zu denken, jene Institutionen, aus deren
Reihen auch schon Studien zur Schadkostenexternalisierung vorgelegt
wurden. Dieser wissenschaftliche Teil der feststellenden Gewalt sollte
von einem Gremium aus demokratisch legitimierten Wahlmännern
und -frauen koordiniert und angeführt werden, die ehrenamtlich
tätig sind und in allen Regionen wie die Parlamentsabgeordneten
regelmäßig zu wählen sind.
Der größte Wermutstropfen an der Idee der Kategorischen
Marktwirtschaft allerdings, macht die Sache für eine einzelne
Nation fast undurchführbar.
Wenn wir in Deutschland beispielsweise die neuen ökonomischen
Bedingungen einführen würden und in den Nachbarstaaten verbliebe
weiterhin das alte, auf Schadkostenexternalisierung beruhende System,
wäre der Misserfolg vorgezeichnet. Die Preisunterschiede für
die gleichen Waren diesseits und jenseits unserer Landesgrenzen wären
zum Teil derart groß, dass Schmuggel der verschiedensten Art
zum äußerst lukrativen Geschäft würde. Die Grenzen
dicht zu machen könnte kaum gelingen, würde extrem hohe
Kosten und restriktive Kontrolle verursachen und passte auch nicht
zum Anspruch demokratischen und kooperativen Handels.
Deshalb müsste die Kategorische Marktwirtschaft mindestens als
Europamodell entwickelt werden, konsequent in der vollständigen
und dann erst effektiven Form.
Europa, also die Europäische Gemeinschaft hat derzeit alles andere
als ein zukunftsfähiges Konzept. Sie plant für sich eine
gemeinsame Verfassung und schreibt im Wesentlichen mit dem Bekenntnis
zu alten ökonomischen Irrtümern die Eckpunkte des eigenen
Niedergangs fest.
Wenn die europäische Verfassung eine ernsthafte und sinnvolle
Berechtigung haben soll, dann nur mit dem Bekenntnis zur Kategorischen
Marktwirtschaft. Den Kapitalismus angelsächsischer Prägung
weiter zu dulden, wird Europa zerstören, zumindest die lebenswerten
Nischen, die gewachsenen Kulturen, die selbstbewussten Regionen und
all das Andere, was unsere Qualitäten immer ausmachte.
Europa sollte aufhören, dem Wirtschaftsliberalismus hinterherzulaufen
und sich darauf besinnen, dass es selbst der Welt die Richtung vorgeben
kann.
Europa ist kein Versuchsfeld US-Amerikanischer Irrtümer, und
schon gar nicht das nächste Opfer des allesfressenden ökonomischen
Imperialismus. Leider haben die Europapolitiker dies bis heute nicht
begriffen und stürzen tollpatschig von Kniefall zu Kniefall.
Mit der Kategorischen Marktwirtschaft würden nicht nur alle Europäer
profitieren, sondern auch die übrige Weltgesellschaft bekäme
entscheidende Impulse für eine nachhaltige und innere Gesundung.
Sind nicht Ausbeutung bestimmter Regionen, Entmündigung bestimmter
Kulturen, Kampf um letzte Ressourcen, Gier nach dem Schatz der Anderen
und ökonomisch statt demokratisch legitimierte Macht die eigentlichen
Kriegsgründe unserer Zeit? Sind nicht genau diese Faktoren auch
die Hauptmerkmale der Kapitalistischen Planwirtschaft, bzw. nährt
sich diese nicht direkt über die Aufrechterhaltung dieser niederen
Zustände? Wäre ein Systemwechsel hin zur Kategorischen Marktwirtschaft
nicht auch die nachhaltigste und umfassendste Friedenspolitik, die
vorstellbar ist, ob nun für die großen Lager oder für
die vielen tausend regionalen Hexenkessel in der sogenannten dritten
Welt?
Als Menschen, die auf die Bewahrung der Schöpfung nicht nur biologisch
angewiesen sind, müssen wir darüber nachdenken.
Die gesamte Welt steht jetzt, am Anfang des 21. Jahrhunderts an einem
Scheideweg, vielleicht an einem der wichtigsten in der Geschichte.
Sollen wir so weiter machen wie im letzten Jahrhundert und unsere
Kraft zur Verdrängung des wachsende Unbehagens verwenden? Sollen
wir den altbackenen Parolen unserer blinden Führer folgen bis
in die totale Aussichtslosigkeit? Oder bringen wir den Mut auf, unsere
Gesellschaft auf ein besseres Fundament zu stellen, eine lebenswerte
Zukunft zu fordern und dafür auch eine schwierige Übergangszeit
zu akzeptieren?
Eines steht jedenfalls fest: je länger wir zögern, desto
schlechter werden die Bedingungen, je tiefer wir hinab steigen, desto
weiter wird der Wiederaufstieg, und je länger wir schlafen, desto
böser wird das Erwachen!
CCR unter www.restmuellnet.de
Text 2: Zusammenfassung
der Zusammenfassung
Neue Betrachtung über "den Karren im
Dreck" oder, was ist Kategorische Marktwirtschaft
Die Krise der Industriegesellschaft verfestigt sich. Kein nachhaltiger
Ausweg scheint in Sicht. Plädoyer für eine grundsätzlich
neue Debatte unter Missachtung politisch-ökonomischer Dogmen.
(von Carl Christian Rheinländer)
Eine Frage beschäftigt uns immer drängender: Wie kann die
Krise der Industriegesellschaft und der Wirtschaft beendet werden?
Oder etwas alltagssprachlicher: Wie kommt der Karren dauerhaft aus
dem Dreck?
Langsam aber sicher gelangen immer mehr Menschen zu der Überzeugung,
dass unsere Volksvertreter überhaupt nicht in der Lage sind,
dieses Problem zu lösen, dass ihr ständiges, plakatives
Bemühen, ihre offensichtliche Unfähigkeit nachhaltige Lösungsansätze
zu entwickeln, ihr eifriges Herumkurieren an allerlei Symptomen, nichts
anderes ist, als die schlichte Verwaltung eines scheinbar unaufhaltsamen
Niedergangs.
Allmählich beginnen wir zu ahnen, dass die berühmte Antwort
auf obige Frage, die da lautet. - "Durch mehr Wirtschaftswachstum!"
- eigentlich nicht richtig sein kann, dass diese Äußerung
eigentlich nichts anderes darstellt, als das berühmte Pfeifen
des kleinen Jungen beim Gang durch den dunklen Wald.
Immer drückender werden die Indizien für die provozierende
Annahme, dass die große Phalanx der Wachstumsbefürworter
aus Ökonomiewissenschaft, Politik und Wirtschaft sich tatsächlich
irren muss.
Doch wenn diese berühmte Antwort, über die immer noch weltweit,
entweder kleinlaut oder aber auch trotzig Konsens herrscht, in die
Sackgasse führt, wie kann eine realistische Antwort denn aussehen?
Kann es vielleicht sogar sein, dass das Streben nach quantitativem
Wachstum, dass die ökonomisch-politischen Maßnahmen, welche
zu mehr Wachstum herkömmlicher Art führen sollen, der eigentliche
Grund für die anwachsende Krise sind?
Fest steht: Wirtschaftswachstum herkömmlichen Verständnisses
führt nur sehr eingeschränkt zu qualitativem Wohlstand,
geschweige denn zu mehr Lebensqualität. Durch Wirtschaftswachstum,
bzw. durch das vorangehende Wirtschaftsgeschehen werden große
soziale und ökologische Schäden verursacht, und dies mit
zunehmender Tendenz. Maßnahmen zur Steigerung der Produktivität,
laut ökonomischem Lehrbuch die erste Voraussetzung zur Steigerung
von Wirtschaftswachstum, schönen auf der einen Seite die Statistik,
sind auf der andern Seite aber auch verbunden mit höherem Energieverbrauch,
erhöhter Abgaserzeugung, höherem Rohstoff- und Materialbedarf,
intensiverem Naturflächenverbrauch, Abbau regionaler Versorgungsstrukturen,
Erhöhung des allgemeinen Transportbedarfs, Verringerung der physischen
und psychischen Bevölkerungsgesundheit also höheren Gesundheitskosten,
Verringerung der Leistungsfähigkeit der einzelnen Menschen, ungebremste
Müllproduktion, Reduzierung der Rentabilität von Reparatur
und Verwertung, Herabwürdigung privater Eigeninitiative und regionaler
Eigenversorgung, usw.
Zumindest die ökologischen Schäden unseres Wirtschaftens
lassen sich immer genauer beziffern. Es existieren etliche Studien
dazu etwa vom Umwelt- und Prognoseinstitut Heidelberg, vom Fraunhofer-Institut
für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI) in Karlruhe,
von der Prognos AG, Basel, usw.
Rechnet man die letzten davon auf die Gegenwart hoch, so muss man
von einer jährlichen Schadenssumme nur für Deutschland in
Höhe von derzeit mindestens 400 Milliarden Euro ausgehen.
Hiermit gerät die Verklärung des Wirtschaftswachstums schon
erheblich ins Wanken.
Die sozialen Kosten unseres Wirtschaftens lassen sich sehr viel schwieriger
erfassen. Der größte Posten davon, die Massenarbeitslosigkeit
mit ihren subtilen Folgeerscheinungen, ist bei genauem Hinsehen eng
mit einem Großteil der ökologischen Schäden verbunden
und lässt sich darüber besser fassbar machen:
Im Grunde gibt es eigentlich nur zwei relevante Arten von Arbeitsenergie,
mit denen eine Produktion betrieben werden kann: Die menschliche und
die technische Arbeitsenergie. Erstere, im Überfluss vorhanden,
sehr umweltfreundlich und nahezu überall einsetzbar, wird einerseits
gespeist aus Nahrung, also aus regenerativer Quelle, andererseits
natürlich auch durch eine gute Ausbildung der Individuen.
Ihr direkter Konkurrent, die technische Arbeitsenergie, bereitgestellt
durch die Energieerzeugung aus Erdöl, Gas, Kohle, Radioaktivität
und regenerativen Quellen in Kraftwerken, Motoren und Fahrzeugen,
ist aber mit Abstand die größte Ursache für Schäden
an den natürlichen Lebensgrundlagen.
Diese werden ganz und gar nicht von den Verursachern, von den Verbrauchern
dieser Energie übernommen, sondern sie werden auf die Allgemeinheit
und vor Allem auf die nachfolgenden Generationen abgewälzt.
Der Wettbewerb zwischen technischer und menschlicher Arbeitsenergie
mündet heutzutage immer wieder in die gleiche Schlussfolgerung:
"Die menschliche Arbeitskraft ist zu teuer!"
Nach diesem Satz bleibt der Politik nur noch die finanziell auf Dauer
verhängnisvolle Maßnahme übrig, die menschliche Arbeitskraft
zu bezuschussen. Diese Aussage aber ist genauso falsch wie der Glaubenssatz,
dass Wachstum Arbeit schafft.
Warum heißt es nicht: "Der direkte Konkurrent zur menschlichen
Arbeitskraft, die technische Arbeitsenergie, ist zu billig!"?
So herum interpretiert ergäbe sich ein völlig neuer politischer
Handlungsspielraum. Die Plausibilität dieser neuen Betrachtung
ist verblüffend.
Würde man alle Folgekosten und -schäden durch Bereitstellung
und Verbrauch von Energie anteilig auf jede Energieeinheit addieren,
würde man den direkten Verursachern, also letztendlich den Energieverbrauchern
die gesamten, bis heute größtenteils externalisierten Kosten
auferlegen, bekämen wir völlig neue Bedingungen im Wettbewerb
zwischen menschlicher und technischer Arbeitsenergie.
Die Preise für die Energieträger Kohle, Erdöl und Erdgas
stiegen um 300%, die Strompreise würden sich verzwölffachen,
Strom aus Kernkraft wäre fast unbezahlbar.
Für die menschliche Arbeitskraft würde dies bedeuten: Die
individuelle kalkulatorische Grenze innerhalb jeder wirtschaftlichen
Sparte, jenseits welcher sich die Beschäftigung einer Arbeitskraft
für den Betrieb nicht mehr lohnt und der Technikeinsatz billiger
kommt, würde sich zu Gunsten der Menschenenergie deutlich verschieben.
Die Menschen würden einen angeborenen Wert, den ihnen der technische
Fortschritt ungerechterweise genommen hat, ihre Schaffenskraft, ihre
Bereitschaft, für die Gesellschaft nützlich zu sein, zurückerhalten.
Die Experten aus der Wirtschaftswissenschaft können über
solcherlei Thesen natürlich nicht begeistert sein.
Eigentlich dafür zuständig, eine realistische ökonomische
Analyse vorzulegen, wenn nicht gar Lösungsvorschläge auf
den Tisch zu bringen, verzetteln sich die angesagten Institute lediglich
in wüste Orakeleien über die voraussichtlichen Wachstumszahlen
und äußern sich widersprechende Empfehlungen aus der ökonomischen
Mottenkiste.
Gegenwärtig bricht die beunruhigende Lage lediglich einen neuen
Streit zwischen den beiden Hauptströmungen der Wirtschaftswissenschaft,
der angebotsorientierten und der nachfrageorientierten Wirtschaftstheorie
vom Zaune. Doch auch hier wird sich keine Lösung finden lassen,
ist doch das Wirtschaftswachstum bei allen Unterschieden, in beiden
Glaubensrichtungen der wichtigste Faktor, das erklärte Ziel.
So werden auf diesem längst abhanden gekommenen Fundament immer
noch jedes Frühjahr dicke Expertisen erstellt, mit welchen die
Politiker zwar pflichtgemäß vor die Presse treten, von
denen sie aber nur, wenn überhaupt, die Zusammenfassung der Zusammenfassung
lesen. So verhindern die sogenannten Wirtschaftsweisen und ihre Auftraggeber
jede Erkenntnis, die über den eigenen Horizont geht. Die Formel
"Wachstum schafft Arbeit" bleibt goldenes Kalb, die vom
"Okunschen Gesetz" abgeleitete Behauptung, dass ab 2,5 Prozent
Wachstum wieder Arbeit entsteht, bleibt oberste Entscheidungsgrundlage
und die eklatanten Widersprüche der fatalen Gegenwartsökonomie
werden hartnäckig ignoriert.
Immer noch routinemäßig wird die kapitalistische Ökonomie
als Marktwirtschaft bezeichnet, obwohl beide alles andere als dasselbe
sind. Auch das gängige Verständnis, wonach der Kapitalismus
eine Form von Marktwirtschaft sei, geht fehl. Er ist vielmehr eine
sich früher oder später einstellende Degeneration von Marktwirtschaft.
Hauptmerkmal der Marktwirtschaft ist neben dem freien Wechselspiel
zwischen Angebot und Nachfrage die Notwendigkeit, dass alle erdenklichen
Kosten, die zur Herstellung eines Artikels, bzw. zur Bereitstellung
einer Dienstleistung, anfallen, in den Preis einfließen.
Im Kapitalismus dagegen sind Unternehmer bestrebt, immer stärker
den heimlichen Produktionsfaktor -Externalisierung von ökologischen
und sozialen Schäden - für die Verbilligung ihrer Produkte
zu nutzen. Eigentlich handelt es sich hierbei um eine heimliche und
weitgehend unauffällige gigantische Wirtschaftssubventionierung
auf Kosten einer ungefragten Allgemeinheit und auf Kosten der nachfolgenden
Generationen. Subventionierungen sind aber kein marktwirtschaftliches
Instrument, ja sie machen ab einer gewissen Dimension sogar die volkswirtschaftlich
erwünschten Entwicklungen einer Marktwirtschaft zunichte und
verkehren diese ins Gegenteil.
Angesichts der ungeheuren Dimension der Subventionierungen durch die
Externalisierung von Produktionskosten heutzutage muss man eigentlich
aufhören diese unsere real existierende Ökonomie noch als
Marktwirtschaft zu bezeichnen. Ja in Wahrheit existiert diese so wunderbar
schlüssige Ökonomieform nirgendwo auf der Welt. Wäre
unsere Ökonomie eine Marktwirtschaft und zwar eine im kategorischen
Sinne, wo es ausgeschlossen ist, Kosten für die Bereitstellung
von Gütern und Dienstleistungen auf Dritte zu externalisieren,
dann hätten wir nicht die gegenwärtige Krise.
Wenn, wie bis hierher festgestellt, zum Schaden und auf Kosten Dritter
gewirtschaftet wird, ergibt sich daraus natürlich auch eine umfassende
juristische Frage: Ist die Externalisierung von ökologischen
und sozialen Kosten überhaupt rechtlich zulässig?
Man wird in den Gesetzesbüchern darauf keine direkte Antwort
finden, über die Frage wird bis heute gar nicht debattiert. Wenn
man aber die Auswirkungen der allgemein üblichen Schadkostenexternalisierung
näher betrachtet, zeigt sich, dass viele Auswirkungen unseres
Wirtschaftens direkt verfassungswidrig, gar verfassungsfeindlich sind.
Einige unserer wichtigsten Grundrechte werden direkt missachtet, bzw.
werden stillschweigend und ohne gesetzliche Grundlage eingeschränkt.
Das ganze Selbstverständnis unserer Verfassung, der große
Geist der Gerechtigkeit der hier wohnen sollte, wird zunehmend zweifelhaften
ökonomischen Notwendigkeiten geopfert.
Leider lässt sich mit diesen Erkenntnissen so leicht keine Verfassungsklage
erheben. Die erste Klagevoraussetzung, nämlich die Betroffenheit
in eigenen Rechten, ist kaum plausibel zu machen, besonders wenn man
für den Schutz der Lebensgrundlagen für die nachfolgenden
Generationen streiten wollte. Die Hauptbeeinträchtigten sind
nicht einmal geboren, ein absolutes Novum in der Rechtsgeschichte.
Auch geschieht die Schädigung Dritter meist nicht direkt und
einfach nachvollziehbar, sondern auf äußerst subtilen Wegen.
Immerhin deutet sich ab hier ein wirklicher Ausweg für unsere
Industriegesellschaft aus dem verzwickten Dilemma an. Ohne Frage muss
die herrschende Ökonomie so bald als möglich durch ein gesellschaftsverträgliches
Wirtschaftssystem ersetzt werden. Jedes Kurieren an den Symptomen,
und nichts anderes ist die gegenwärtig praktizierte Politik,
führt nur tiefer in die Krise. Die einzige Möglichkeit bietet
der Übergang in eine Form von Marktwirtschaft, in welcher jeglicher
Anreiz zur Externalisierung irgendwelcher Produktionskosten dauerhaft
ausgeschlossen ist.
Zur Wahrung von Gerechtigkeit unter den Menschen und zur Erhaltung
dieser Marktwirtschaft ist die Zugrundelegung einer weitgehenden Ethik
für das ökonomische Handeln eine unabdingbare Notwendigkeit.
Anderenfalls ist die Degeneration in den Kapitalismus nur eine Frage
der Zeit.
Wenn wir nun einen Namen suchen, in welchem auch der ethische Anspruch
erkennbar sein soll, werden wir bei dem Philosophen Immanuel Kant
und seiner Formulierung des Kategorischen Imperativs fündig.
Er lautet: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich
wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde!" Oder:
"Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung zum allgemeinen
Naturgesetze werden sollte!" Oder: "Handle so, dass die
Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen
Gesetzgebung gelten könne!"
Hier steht genau das, was von der Wirtschaft verlangt werden muss.
Kein Unternehmer kann, auch entsprechend dem Geist unserer Verfassung,
jemals das Recht bekommen, sich auf Kosten oder zum Schaden anderer
zu bereichern. Niemand würde wirklich wollen, dass die Maxime
der Ausbeutung oder der Zerstörung der Lebensgrundlagen Dritter
allgemeines Naturgesetz werden sollte, nicht einmal die Funktionäre
in der Wirtschaft. Deshalb sei hiermit vorgeschlagen, das gesuchte
Wirtschaftssystem, welches jegliche Kostenexternalisierungen bei der
Produktion nicht zulässt, Kategorische Marktwirtschaft zu nennen.
Doch wie kann die Gesellschaft aber aus der jetzigen Situation in
eine Kategorische Marktwirtschaft gelangen? Das entscheidende Instrument
dabei ist die Internalisierung aller bisher externalisierten Kosten
in den Endpreis jedes Produkts, jeder Dienstleistung.
Eine echte vierte verfassungsmäßige Gewalt muss geschaffen
werden, die ausschließlich über die Erhaltung der Lebensgrundlagen
wacht und die, ebenso wie das Bundesverfassungsgericht, der Politik
gegenüber weisungsberechtigt ist. Zusammengesetzt werden könnte
diese Gewalt aus allen wissenschaftlichen Instituten und den Universitäten
im Land, also aus den Institutionen, die zur Berechnung der Externalisierungssumme
in der Lage sind und unterstellt einem Gremium aus unparteiischen,
demokratisch gewählten Wahlmännern und -frauen, die ehrenamtlich
tätig und in allen Regionen regelmäßig, parallel zu
den Parlamenten, zu wählen sind.
Ohne großen bürokratischen Aufwand könnten die berechneten
voraussichtlichen Schadkosten vom Staat immer dort erhoben werden,
wo sie das erste Mal auftreten, angefangen beim Import von Energieträgern
und Rohstoffen, über alle Zwischenproduzenten, bis zum Endverbraucher.
Alle Waren würden sich individuell ganz unterschiedlich verteuern,
einige um 10 % andere aber um 500 %. Es würde ein Mechanismus
angestoßen, in welchem sich ganz automatisch das gesellschaftlich
Verträglichste herausbildet, bzw. verträglichere Alternativen
zu problematischen Produkten und Produktionsmethoden entstehen. Der
Preis und die geänderte Nachfrage würden zielsicher den
Wandel bewirken.
Hier taucht natürlich die Frage auf, wie die Bürger die
teils sehr empfindlichen Verteuerungen des Konsums in der Umstellungsphase
denn bezahlen sollten.
Bei einer geschätzten Verteuerung der Waren um mindestens 400
Milliarden Euro pro Jahr, käme man für jeden der 80 Millionen
Menschen in Deutschland rechnerisch auf Mehrkosten in Höhe von
rund 400 Euro monatlich. Demgegenüber stehen aber auch Einnahmen
des Staates in der gleichen Höhe. Dieser Betrag muss eingesetzt
werden, um sozusagen den Grund für seine Erhebung abzuschaffen.
Wenn der Staat das Geld also wieder an die Bevölkerung auszahlt,
schmiert er damit den marktwirtschaftlichen Mechanismus, der die Gesellschaft
in die Kategorische Marktwirtschaft führt.
Allerdings, und dies ist ein entscheidender Punkt, darf er nicht so
auszahlen, wie erhoben wurde, sondern in Form eines garantierten Mindesteinkommens
für alle Staatsbürger in gleicher Höhe, egal ob Spitzenverdiener
oder Arbeitsloser, Kleinkind oder Greis. Jeder bekommt pro Monat 400
Euro, für die er nichts weiter tun muss.
Profitieren würde davon der größte Teil der Bevölkerung,
für welchen die Verteuerung ihrer Lebenshaltungskosten durch
die Internalisierungsaufschläge weit unter den 400 Euro pro Monat
läge. Besonders die unteren Einkommensgruppen, Alte und Familien
mit Kindern würden finanziell erheblich gestärkt, ohne dass
die Rente, das Kindergeld oder die Sozialhilfe erhöht werden
muss.
Neben der Neustrukturierung ganzer Produktionsmethoden wäre die
Rückbesinnung auf die umwelt- und sozialfreundliche menschliche
Arbeitskraft der deutlichste Effekt der Kategorischen Marktwirtschaft.
Der Globalisierungsdruck auf die deutschen Betriebe würde erheblich
und dauerhaft abnehmen, weil alle Importwarenpreise nun auch durch
umfangreiche Transportaufschläge und sonstige ökologische
Ausgleichskomponenten in die Höhe stiegen.
Unternehmer, die unter den Bedingungen der Kategorischen Marktwirtschaft
ihren Betrieb mit Erfolg führen könnten, stiegen zu den
neuen und wahren Leistungsträgern auf, zu solchen, die das Wort
auch verdient hätten. Neuentwicklungen in Technik und Verfahren
würden aus dem Ausland immer stärker nachgefragt, weil bald
alle Länder das fatale Ende ihres bisherigen Wegs erkennen.
Logischerweise würde natürlich im Lauf der Zeit auch die
Summe der Abgaben für Externalisierungseffekte zurückgehen,
damit die Internalisierungseinnahmen des Staates und die Summe des
auf die Bevölkerung verteilbaren Geldes. Das garantierte Mindesteinkommen,
ohnehin nur ein Übergangsinstrument, würde entsprechend
den Erfolgen im Abbau der Schadkostenexternalisierung immer weiter
absinken.
Parallel dazu entstünden Millionen neuer und dauerhafter Arbeitsplätze
ohne dass der Staat einen Cent dafür ausgeben müsste. Es
gäbe immer noch große Industriebranchen mit einem nun stark
erhöhten Personalbedarf, doch vor allem wären unzählige
kleinbetriebliche Geschäftsideen auf einmal erfolgversprechend,
vornehmlich in der regionalen Produktion und Dienstleistung. Die Regionen
hätten eine wirtschaftliche Erholung durchgemacht, das Land wäre
weitgehend energie- und rohstoffautark, der Anreiz für Unternehmen,
Teile der Produktion in Niedriglohnländer auszulagern, würde
verkümmern.
Die Komponenten des sozialen Netzes würden wieder greifen und
hetzten nicht, wie gegenwärtig, den Problemen nur hinterher.
Allerdings, und dies ist der größte Wermutstropfen an
der Kategorischen Marktwirtschaft, kann die nachhaltige Ökonomie
aus der Gegenwartssituation heraus nicht inselartig in einem Land
existieren. Die Profitaussichten durch Schmuggel wären verlockend,
und deshalb muss die Kategorische Marktwirtschaft mindestens ein Europamodell
sein.
Ohnehin hat Europa, geprägt von blinder Durchwurstelei, derzeit
alles andere als ein ernsthaftes Konzept für die Zukunft, alles
andere, als einen ernsthaften Grund für eine gemeinsame Verfassung.
Es sollte aufhören, dem Wirtschaftsliberalismus angelsächsischer
Prägung hinterherzulaufen und sich darauf besinnen, dass es selbst
der Welt die Richtung vorgeben kann, und die Welt würde diese
Richtung bald übernehmen, ganz einfach, weil die dramatische
Weltsituation sie unausweichlich dazu zwingt.
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